Als deutscher „Gastarbeiter“ in arabischen Ländern – Alltagsrassismus: Blut ist dicker als Wasser – Teil 2

von: Andreas Dimarchos und Ao Krippner [Tertium datur]

Eine Interview-Reihe mit Dr. Michael D.

Teil 2

Während des Interviews mit unserem langjährigen Freund Michael hatten wir uns einvernehmlich dazu entschieden, seine Identität zu anonymisieren. Michael ist gerade auf dem Weg zu einem neuerlichen Arbeitsaufenthalt in den Vereinigten Arabischen Emiraten. So, wie er es seit fast 30 Jahren praktiziert.

Näheres zu Michaels Hintergrund finden Sie im ersten Teil der Artikelreihe:

Als deutscher „Gastarbeiter“ in arabischen Ländern: „Die Wahrheit wird nur schlecht vertragen.“

Wir zitieren aus dem ersten Teil:

Obwohl ich einen offener Mensch bin, finde ich den Gedanken, meine Identität zu anonymisieren aus einem Grund ganz gut: damit sehen die Leute in Deutschland einmal, wie das andernorts wirklich mit Alltagsrassismus aussieht.

Vielleicht können wir damit mal bei einigen Leuten hierzulande die Sichtweise öffnen?

Ich freue mich jedenfalls darauf, wenn wir aus diesem Interview eine ganze Reihe machen, wodurch sehr, sehr viele Themen beleuchtet werden können, die durchaus auch mit uns in Deutschland zu tun haben. Gerade im Hinblick auf die Migranten aus dem arabischen Raum. Meine Perspektive ist in Deutschland unterrepräsentiert bzw. wird gar nicht erst zur Kenntnis genommen oder veröffentlicht.

Tertium datur:

Wir hatten über die Schwierigkeit gesprochen, in einem arabischen Land als Mitteleuropäer Fuß zu fassen. Die umgekehrte Variante ist ja sehr viel häufiger: arabischstämmige Migranten bei uns. Siehst Du irgendwas, was Menschen, die als Migrant aus der arabischen Welt bei uns sind, analog ihrer Heimat hier etablieren wollen?

Dr. Michael D.:

Die Frage ist recht einfach beantwortet: alles! Also ihren gesamten Alltag, auf der Kultur basierend. Mit allem, was dazugehört. Ich nenne Euch ein Bespiel:

Ich hatte vor vielen Jahren einen Kollegen, der als Iraker seinerzeit wie ich in den Vereinigten Arabischen Emiraten arbeitete.

Er lebte seit 1972 dort als Dauergast und hat dann später mit seiner Frau gemeinsam die Auswanderung nach Kanada betrieben.

Er hatte in Oxford bis in die 70er Jahre hinein studiert und ist als promovierter Wissenschaftler in die UAE gekommen. Jeder würde denken: „Das kann ich gut verstehen, dass die Beiden nach Kanada auswandern wollen. Die wollen halt ein westliches Leben führen.“

Großer Irrtum!

Mein Kollege hat mir dann Kanada so geschildert: „Ja, weißt Du, wir möchten nach Ontario gehen, denn dort ist bereits eine ganz große muslimische Community. Dort kann meine Frau dann, ohne blöd angemacht zu werden, mit Kopftuch auf der Straße rumlaufen.“

Auf deutsch gesagt: die haben die muslimische Welt nach Kanada verpflanzt, genießen dort die kanadischen Bürgerrechte, die auf unserem Verständnis beruhen. Und leben dort aber ihre kleine, spießige, beschissene, muslimische Welt.

Tertium datur:

Du sagst also, dass diese, sagen wir mal, mittelalterlichen Vorstellungen alle Schichten betreffen?

Dr. Michael D.:

Ja, absolut. Das finde ich ja frappierend und das ist genau das, was die Leute hier im Westen nicht verstehen.

Sie denken: da kommen ja nicht nur ungebildete, sondern sehr gebildete Leute. Akademiker, also solche Abdel-Samads. Und die werden sich dann schon integrieren und so sein wie wir. Abdel-Samad hat sich aber bewusst abgewandt von dieser Kultur und hast sich uns zugewandt, und er ist damit eine Ausnahme. Seine Äußerungen als in diese Kultur hineingeborener „Fachmann“ wird hierzulande nicht geschätzt. Schlimmer noch: er erfährt aus den Reihen der hier lebenden Muslime eine akute Bedrohung. Aber scheinbar klingelt es da bei niemandem wirklich.

Oder denkt doch mal an Dunja Hayali, deren Vater auch angeblich Akademiker ist, und an das Verhalten der Familie, als Hayalis Schwester einen Deutschen heiraten wollte. Hayali sagte selbst: „Es waren Kämpfe. Mein Vater wünschte sich, dass seine Tochter einen Araber heiratet.“ Von wegen: ein Akademiker und gebildeter Araber adaptiert die Vorstellungen der westlichen Welt. Auch bei denen gilt die Blutlinie über alles.

Da darf man gar nicht überrascht sein. Das ist so tief verwurzelt und hat mit Bildung mal gar nichts zu tun.

Obwohl ja im Orient in den 70er Jahren eine Aufbruchstimmung herrschte und nach westlichem Leben gestrebt wurde, bleiben sie im Kern ihres Wesens das, was sie immer waren: Araber.
Und zwar mit Vorurteilen und einer Konsequenz, die sich unsere naiven „Weltoffenen“ in ihren kühnsten Träumen nicht ausmalen können.

Tertium datur:

Also selbst wenn sie wollten: so, wie es ihnen hier zu leben möglich ist, wäre es ihnen in ihren angestammten Ländern nicht möglich?

Dr. Michael D.:

Eben: nein! So ausgestattet mit z.B. Bürgerrechten wie hier dort leben zu wollen, ist natürlich eine Illusion. Sie wissen das genau. Nur wir kapieren das partout nicht.

Hier picken sie sich natürlich die Rosinen heraus und werden aber dennoch bestrebt sein, auf der anderen Seite doch die muslimische Spießerwelt durchzuziehen. Ganz besonders jedoch, was die eigene Familie angeht. Und das ist der absolut springende Punkt.

Denn das wird sich immer beißen. Da hast Du also den Professor aus Bagdad, und er kommt hierher und Du wirst dann auch zum Tee oder zum Essen eingeladen. Es ist unheimlich nett und die Dame des Hauses rennt auch nicht unbedingt mit dem Kopftuch daheim herum. Sie erscheinen wirklich modern. Und was sie tatsächlich auszeichnet, ist, dass sie unglaublich liebenswürdig und äußerst kommunikativ sind. Du kannst also hervorragende Gespräche führen. Meistens sind es sehr kultivierte Leute.

Das ist aber nur die Oberfläche. All das ist kein Grund zur Annahme, dieses Ehepaar wäre wirklich in unserer westlichen Welt mit allem Drum und Dran angekommen. Das Eigentliche werden sie niemals ablegen. Denn das ist ihre Identität.

Tertium datur – Ao:

Also, gesetzt, ich wäre mit Dir verheiratet und wir würden uns entscheiden, für längere Zeit gemeinsam dort im städtischen Bereich leben zu wollen: was würde sich für mich als Frau konkret ändern? Worauf müsste ich mich einstellen?

Dr. Michael D.:

Ja, damit fängt’s ja schonmal an: wir müssten verheiratet sein. Anders ist ein Zusammenleben gesetzlich nicht legitim.

Der zweite Punkt ist dann, dass natürlich erwartet wird – zum Beispiel in Saudi Arabien –, dass die Fremdarbeiter sich an strenge gesetzliche Regelungen halten müssen, die das Leben nicht gerade einfach machen. Du dürftest Dich also nicht mit beliebig vielen Freundinnen zum Tee treffen.

Ich persönlich hätte keine ruhige Minute, wenn Du Dich mit anderen Paaren triffst, mit denen Du einfach befreundet bist.

Da kann es durchaus passieren, dass ein riesiges Problem daraus entsteht, wenn Du Dich mit unserem gemeinsamen guten Freund Peter zum Essen treffen möchtest, um ein wenig zu ratschen. Das kannst Du in der arabischen Welt einfach nicht bringen. Wir würden alle in Teufels Küche kommen.

Natürlich hätte ich auch keine ruhige Minute bei einer etwaigen Freundschaft zwischen meiner Frau und einem arabischen Mann. Weil es das in deren Vorstellung einfach nicht gibt.

Das hat immer auch den Hintergrund und Effekt, dass er mich als Mann nicht mehr ernstnehmen und nicht mehr respektieren würde. Das sind einfach mittelalterliche Verhaltensweisen, mit denen wir per se nie zurechtkommen würden.

Denkt mal an die ermordete Studentin in Freiburg. Sie nannte es eine Freundschaft. Er hat das aber völlig missgedeutet. Das ist ein Grundmissverständnis bzw. eine selbstverständliche Grundannahme, die Du in fünf Jahren Deutschland nicht einfach wegreden kannst. Der Typ bleibt einfach der, der er war.

Tertium datur:

Du sprachst davon, dass es gesetztlich geregelt sei, wieviele Leute sich treffen dürfen?

Dr. Michael D.:

Ja, natürlich. In Saudi Arabien ist das so. Und das betrifft Frauen wie Männer. Die Anzahl der Menschen ist ganz konkret vorgeschrieben.

Tertium datur:

Also, dann fragt man sich natürlich: was ist für uns aus dem Westen und hier aus Deutschland überhaupt attraktiv, in einem solchen Land zu leben bzw. dort zu arbeiten?

Dr. Michael D.:

[lacht laut] Ja, was soll ich dazu sagen? Das Geld natürlich! In allererster Linie die Kohle. Es ist doch ein recht ordentlicher Verdienst, den man dort erarbeiten kann. Trotz der dort mittlerweile etablierten Mehrwertsteuer und obwohl unser „segensreicher“ Dr. Schäuble die Doppelbesteuerung eingeführt hat, … trotzdem ist das natürlich vom Gehalt her äußerst interessant.

Ich nehme mich jedoch insofern doch ein kleines Bisschen davon aus. Es war nicht nur das Geld, sondern von Anfang an auch die Neugierde, damals eben als Kulturwissenschaftler. Als Kind war ich bereits begeisterter Leser von Büchern über andere Kulturen. Da war es die logische Konsequenz, dass der Orient wenigstens ein Mal durchstöbert werden muss.

Und dann, nach insgesamt 25 Jahren, kannst Du auch nicht mehr umschwenken. Meine Vorstellung war, dass ich mal als Professor hier in Deutschland sitzen würde, um dann dort unten temporär wissenschaftliche Projekte zu begleiten. Das kam dann halt alles anders. Ich bereue es wirklich bis zum heutigen Tag nicht, denn ich hab unglaublich viel gelernt. Auch und vor allem was die Wahrnehmung anderer Menschen angeht.

[lacht] Wenn ich 1910 oder 1930 dort unten gelebt hätte, wäre ich schon längst vom deutschen Staat angeheuert worden. Irgendwie als Spion oder als „landeskundlicher Infiltrator“, wie beispielsweise der Oppenheim.

Ernsthaft: heute jedoch interessiert sich der deutsche Staat überhaupt nicht für meine Erfahrung und mein Wissen. Die stützen sich lieber auf irgendwelche sehr jungen Hochschulabsolventen mit Migrationshintergrund, die sie in diese Länder, ohne jegliche Erfahrung, schicken. Aber das hatten wir ja bereits.

Tertium datur:

Wenn Du heute Äußerungen von Migranten aus dem arabischen Raum bei uns hörst, also zu Schwierigkeiten in Sachen Integration, Anerkanntsein und dergleichen … was denkst Du dann?

Dr. Michael D.:

Da kann ich nur lachen. Und zwar sarkastisch. Ein Beispiel: es ging wochenlang durch Presse und Fernsehen und alle Medien. Es wurde sich darüber empört, dass die Asylantragsteller dort in Berlin beim BAMF schlangestehen mussten. Das war wirklich die Lachnummer.

Ich musste lachen, wenn diese Leute sich darüber beschwerten, dass sie warten mussten. Das sind sie doch von zu Hause zeitlebens gewöhnt. Das betrifft nicht nur mich als Ausländer dort, sondern auch die Einheimischen. Und dann kannst Du dort nicht mal sicher sein, wenn Du endlich dran bist, ob Dein Anliegen ordentlich oder überhaupt bearbeitet wird. Schon damit hat man die Leute in Deutschland dermaßen an der Nase herumgeführt. Wer kundig im dortigen behördlichen Alltag ist, der hat sich ausgeschüttet vor Lachen über die gespielte Empörung, mit der man uns hierzulande gleich ein schlechtes Gewissen machen wollte, um dann die Forderungen noch höher zu ziehen.

Diese Naivität, mit der man hier diesem Aufschrei begegnet ist, ist legendär. Aber dazu meldete sich dann niemand der arabischen, schon länger hier lebenden Migranten zu Wort, um das mal klarzustellen. Die stimmten in das künstliche Wehklagen ein.

Wie ich schon sagte: da ist Blut dicker als Wasser.

Tertium datur:

Du hast ja den direkten Vergleich und kannst die Äußerungen der hier lebenden Migranten aus diesem Raum beurteilen. Was fällt Dir zudem auf?

Dr. Michael D.:

Zwischenzeitlich geht mir dieser Hype um den sogenannten Alltagsrassismus, der gerade fast schon hysterisch ins Feld geführt wird, nur noch auf den Zünder. Sie sollten bedenken, dass es ihnen in ihren angestammten Ländern niemals so gut gegangen wäre, wie in dem Moment, in dem sie sich freiheitlich in den Sozialen Medien oder im TV, im Genuss der Bürgerrechte, über angeblichen Alltagsrassismus hierzulande beschweren. Ich gehe jede Wette ein, dass sie im Grunde genau wissen, welche Einschränkungen sie dort vorort erfahren würden, und dass sie auch nicht nur ansatzweise diese Freiheiten genießen würden, die hier möglich sind.

Ich kann es kaum glauben, dass ihnen nicht bewusst ist, dass sich ihre eigene Kultur auf Rassismus aufbaut. Ich habe das ja schon ausgeführt.

Das alles funktioniert nur auf der Grundlage der Dummheit von Multikulti-Fanatikern, die sich in keinster Weise überhaupt mit diesen Kulturkreisen auseinandergesetzt haben. Ich persönlich empfinde diese Anwürfe des Alltagsrassismus als eine unerträgliche Beleidigung unserer Gesellschaft gegenüber.

Denn in deren eigenen vier Wänden, hier inmitten Deutschlands, wird der ihrer Kultur immanente Rassismus hochgehalten.

Das können sie ja gerne für sich so sehen. Niemand beschwert sich darüber. Aber die Anwürfe andererseits uns gegenüber sind dann einfach nur lächerlich und eine Show. Ich möchte nicht wissen, wie diese lauten Aktivistinnen und deren Familien über uns Deutsche oder über Migranten aus einem anderen Kulturraum zuhause, hinter verschlossenen Türen, sprechen. Ich kann es mir aber vorstellen.

Tertium datur:

Könnte es vielleicht doch sein, dass die Kritik äußernden Migranten der Zweiten oder Dritten Generation gar nicht mehr erfassen, wie es in den Herkunftsländern diesbezüglich eigentlich aussieht? Also gesetzt der Fall, es wäre nicht so, wie Du in Deinem letzten Satz sagtest …

Dr. Michael D.:

Das kann in Einzelfällen ja durchaus sein.

Aber damit vollziehen sie doch genau die simultane Entwicklung wie die Gesellschaften in den Herkunftsländern, die diesen Retro-Islamismus betreiben und die, wie zum Beispiel die Türkei, jetzt in eine Überlegenheit erklärende Rhetorik verfallen und von unberechtigtem Selbstbewusstsein nur noch so strotzen, und zeigen, dass man die Realitäten gar nicht mehr wahrnimmt.

Und die Realität ist für einen Migranten, der nach Europa kommt oder konkret jetzt zu uns nach Deutschland, ist, von dieser Anspruchshaltung einfach mal runter zu kommen und sich klar macht, was eigentlich Sache ist, wenn man Einwanderer sein möchte. Was anderes wird Migranten weltweit nicht abverlangt und schließlich gehöre ich auch zu denen, die in der arabischen Welt begreifen mussten, was dort „Sache ist“. Ich musste mich fast 30 Jahre lang darauf einstellen. Wer bin ich, der fordern könnte, es möge sich dort etwas nach meinem Geschmack ändern?

Meistens sind es auch die Kinder von Leuten, die sicherlich z.B. nicht zur Creme der türkischen Gesellschaft gehörten. Die Türkei hat ja damals quasi darum gebettelt, dass Deutschland auch solche Verträge mit ihnen macht, wie sie mit Spanien, mit Italien, Griechenland und Jugoslawien gemacht wurden. Also diese Aushebungsverträge für Gastarbeiter.

Ganz direkt: das war für die Türkei ein willkommener Anlass, ein bestimmtes Klientel loszuwerden. Daraus wäre für die Türkei in riesiges soziales Problem entstanden.

Man sollte mal in der Türkei ein Dankesfest machen, dass Deutschland ihnen diese Leute abgenommen und in eine gute Existenz gebracht hat. Dieses Dankesfest könnten ruhig auch die nun vorlaut auftretenden Nachfahren dieser Einwanderer für uns veranstalten. Ich höre aber nur Vorwürfe, Forderungen, Beleidigungen.

Aber dann wird noch darüber gejubelt, welche angebliche Aufbauleistung gerade die Türken bei uns erbracht haben. Da müssten Spanier, Italiener und andere Migranten entsprechend und vergleichsweise mit der Sänfte durch unsere Straßen getragen werden.

Wenn ich mir vorstelle, ich träte auch nur annähernd so in den arabischen Ländern auf: nicht auszudenken. Ich wäre vermutlich längst schon nicht mehr am Leben.

Tertium datur:

Das klingt so, als würdest Du sagen, es steckt eine grundsätzliche Ablehnung gegenüber der westlichen Lebensart hinter diesen Anwürfen, die man jedoch verklausuliert und versteckt anbringt, indem man uns mit Vorwürfen überzieht, aber letztlich etwas ganz anderes damit meint … nämlich: die tradierte Abneigung irgendwie  zum Ausdruck bringen will? Eine Nebelkerze also?

Dr. Michael D.:

Diese jungen Leute, die sich jetzt da so vehement gegen unsere Gesellschaft wenden und sogar Waffengewalt goutieren (der IS hat ja eine generelle Zustimmung gerade unter radikalen Deutschtürken) und die auch Erdogan bejubeln, also die sich abwenden von unserer Gesellschaft, werden von den Multikulti-Fanatikern dahingehend bestärkt, dass uns vorgehalten wird, wir hätten daran irgendeinen Anteil.

Ich sehe diese Ablehnung aber nicht. Ich bin jetzt Mitte Fünfzig und ich hätte schon konsequent wegschauen müssen, wenn mir das entgangen wäre. Ich bin aber niemand, der wegsieht.

Die erste Generation auch der Türken waren noch richtige Malocher. Sie haben bescheiden gelebt, haben auch die Familie in der Türkei noch mit durchgefüttert. Die standen bei Ford oder Daimler am Band, haben ihren Transit im Urlaub vollgeladen und sind dann in die Türkei gefahren. Im Grunde waren es sehr bescheidene, sehr genügsame Leute, die auch sicherlich auf Vorurteile unter uns Deutschen stießen. Aber irgendwann hat man sich arrangiert. Wir sahen, was geleistet wird, sie sahen, dass es ihnen hier um ein Vielfaches besser ging als in der Türkei.

Erst die zweite Generation wurde plötzlich laut. Ähnliches hörst Du aber von Italienern oder Spaniern oder Asiaten wie Japanern nicht. Sie sagen ja, das sei eine Reaktion auf die Ablehnung durch die deutsche Gesellschaft. Ich sehe sie einfach nicht. Das mag für die erste Generation noch gegolten haben.

Der Knackpunkt war dann bloß, dass die Leute, die in der ersten Generation froh waren, bei Daimler einen Job gekriegt zu haben und viel Fleiß an den Tag legten, um dann als die großen Zampanos aufs Land in die Türkei im Urlaub zu reisen, Kinder haben, die sich nicht wirklich integrieren oder qualifizieren wollten. In welcher Gesellschaft werde ich akzeptiert, wenn ich nur fordere? In keiner einzigen Gesellschaft dieser Welt. Dieses Argument zieht einfach nicht.

Wir haben doch in Deutschland Muslime, die man – perfekt deutsch sprechend – in den Medien arbeitend sieht, bei denen man sich keine Minute Gedanken macht, ob sie nun einen Migrationshintergrund haben oder nicht. Die stimmen dann aber in den Chor derer mit ein, die sich weigern, rückschrittliche Vorstellungen aus den Herkunftsländern abzulegen. Oder aber, hier sogar geboren, plötzlich damit beginnen, sich diese kulturellen Vorstellungen anzueignen.

Woher kommt Ablehnung? Na, mir wird es doch direkt sichtbar gemacht, dass die keine Lust haben, so zu leben wie wir. Also: woher kommt wohl Ablehnung?

Ich kann diesen Leuten nur empfehlen: verbringt mal einige Wochen im arabischen Raum, lebt strikt nach deren Vorstellung, so wie ich das auch tun muss. Und dann unterhalten wir uns von Neuem darüber, ob hier wirklich alles so grundlos feindselig eingestellt ist wie man Glauben machen möchte.

Dass die deutsche Gesellschaft extrem aufnahmefähig und aufnahmewillig ist, hat sie doch mehrfach bewiesen. Nicht zuletzt nach dem Krieg. Was ist hier noch unter Beweis zu stellen?

Wenn ich halt Araber oder Türke in dieser, unserer Gesellschaft sein will, dann muss ich mich nicht wundern, wenn andere Menschen sagen, dass sie keine Deutschen sind.

Wenn ich Araber oder Türke bleiben will, dann bin ich halt nicht in dieser Gesellschaft angekommen. Hier ist immer noch unsere gewachsene Gesellschaft diejenige, die darüber bestimmt, welche Kultur wir hier als Gemeinschaft leben wollen. Ganz sicherlich müssen wir nicht damit einverstanden sein, von außen etwas aufgepfropft zu bekommen.

Tertium datur:

Abschließend zu diesem Teil noch die Frage: Ist Dir je etwas darüber bekannt geworden, dass sich Migranten im arabischen Raum öffentlich über mangelnde Integration oder Akzeptanz beschweren? Vielleicht eine blöde Frage, aber sie bietet sich an.

Dr. Michael D.:

Nö, das ist keine blöde Frage. Im besten Fall werden solche Leute sofort innerhalb von 24 Stunden ausgewiesen und nach Hause verfrachtet. Im besten Fall.

Die Anderen, die sowas versucht haben, erzählen das jetzt den Gekkos, die da im Knast an der Wand kleben.

 

Teil 3 des Interviews folgt in den nächsten Tagen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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