Als deutscher „Gastarbeiter“ in arabischen Ländern: „Die Wahrheit wird nur schlecht vertragen.“ – Ein Interview

Interview von: Andreas Dimarchos und Ao Krippner [Tertium datur]

 

Dr. Michael D. ist ein langjähriger Freund, der sich bereiterklärte, ein Interview für unsere Seiten mit uns zu führen. Das Thema sollte sein:

Wie lebt es sich als „Gastarbeiter“ in arabischen Ländern, im Nahen und Mittleren Osten?

Michael studierte zunächst Kulturwissenschaften und später dann Medizin. Seit fast 30 Jahren arbeitet er vorwiegend im arabischen Raum. Inmitten des Interviews stellten wir fest, dass wir in Bereiche mit Michaels Antworten vorgestoßen waren, die ihn innehalten ließen.

Michael bat uns, diese Teile seiner Antworten nicht zu veröffentlichen, steht er doch wiederum kurz vor seiner Abreise in die Vereinigten Arabischen Emirate, wo er an einer Klinik für einige Monate arbeiten wird. Er fürchtete, dass es zu Problemen mit seinen jetzigen und auch mit den zukünftigen arabischen Arbeitgebern führen könnte, denn: das Internet vergisst nichts.

Da jedoch erst die unverblümten Schilderungen seiner Erfahrungen zu einem vollständigen Bild führen können, entschlossen wir uns dazu, seine Identität zu anonymisieren.

Alleine diese Notwendigkeit erzeugte bei uns ein gewisses Maß an Beklemmungen.

Hier nun also unser Interview mit Dr. Michael D., das wir mit einer Artikelserie fortführen werden.

Tertium datur:

Du bist  gerade wieder fast auf dem Weg in die Vereinigten Arabischen Emirate. Vielen Dank dafür, dass Du noch Zeit für ein Interview für Tertium datur gefunden hast. Wie lange arbeitest Du bereits im arabischen Raum bzw. in Nah-Ost?

Dr. Michael D.:

Mindestens 25 Jahre, mit Aufenthalten, die über Jahre ununterbrochen gingen oder über Monate. Wenn ich die Gesamtzeit, die ich dort unten verbracht habe, zusammenrechnen sollte, dann reden wir sicherlich über einen zweistelligen Jahresbetrag.

Tertium datur:

In welche Länder hat Dich Deine Arbeit bislang geführt?

Dr. Michael D.:

In nahezu alle Länder des Mittleren Ostens. Das reicht von Westafrika bis fast nach Zentralasien hinein. Wobei sich eindeutig der Schwerpunkt auf die klassischen arabischen Länder gelegt hat. Also: die arabische Halbinsel sowie ihre angrenzenden arabischen Länder, Jordanien, Ägypten etc.

Tertium datur:

Du bist im Tübingen geboren und lebst dort seit Deiner Kindheit.
Kannst Du Dich daran erinnern, welcher Unterschied zwischen Deiner Heimat und dem arabischen Raum bei Deinem ersten Aufenthalt augenscheinlich erschien?

Dr. Michael D.:

Das ist schwieriger zu beantworten als man sich das so im ersten Moment denkt.

Es geht schonmal dabei los: wenn man sich irgendwo wirklich fest verankern möchte oder wenn man über längere Zeit in einem Land dort arbeiten möchte, ist einfach das Beherrschen der Sprache unabdingbar. Klar wird dort auch viel Englisch gesprochen, was einfach historische Wurzeln hat. Zum größten Teil durch die Kolonialherren. Wenn es also nicht die Türken bis zum Ende des Ersten Weltkrieges waren, so haben sich die britischen Kolonialherren dort festgesetzt. Oder in manchen Regionen französische, wie im Libanon, in Syrien oder Westafrika. Dort ist Französisch eine dominante Fremdsprache.

Damit fängt alles an: wenn ich mich nicht mal über die Basisdinge hinaus mit den Leuten unterhalten kann, dann kann ich dort nichts bewegen und dann wird auch mit mir selber nichts geschehen.

Tertium datur:

Wann war Dein erster Aufenthalt dort und in welchem Rahmen fand er statt?

Dr. Michael D.:

Ich war damals noch sehr jung bei der ersten Berührung. Ich war Student der Kulturwissenschaften und kam über den DAAD (Deutscher Akademischer Austauschdienst) in eines dieser Länder. Ich habe mich unbedarft zunächst so bewegt, wie ich es in Deutschland auch gemacht hatte. Es war ja auch nicht Ziel, da irgendwie mein Leben zu fristen. Damals die Mission war die Vollendung meiner Doktorarbeit, aber nicht mit der Perspektive oder der Ahnung, später viele Jahre meines Lebens in dieser Region zu verbringen.

Ich habe später dann erfahren, dass auf meine Erfahrung in dieser Region von Deutschland selbst nie zurückgegriffen wurde. Rückblickend ein interessantes deutsches Problem: ich plante, meinen Lebensmittelpunkt in Deutschland zu behalten, aber diesen Brückenschlag gewinnbringend auch für Deutschland zu gestalten. Das ist nie wirklich gelungen.

Ein Manko, dass immer auf die falschen Leute zurückgegriffen wird: In Deutschland wird meistens der Weg gegangen, dass man Migranten, die in Deutschland aufgewachsen sind, in den Orient schickt und vermutet, dass man dann dort eine gute Referenz hat. Das ist aber in den meisten Fällen kräftig in die Hosen gegangen.

Tertium datur:

Was ist an diesem Konzept, Migranten von Deutschland aus in diese Regionen zu schicken, gescheitert?

Dr. Michael D.:

Das sind teilweise lustige Geschichten. Da ist die Erwartung, dass jemand, der in Deutschland aufgewachsen oder gar geboren ist, einen deutschen Pass hat, quasi fungieren kann als verlässlicher Partner für die Deutschen, um wie auch immer gesteckte Ziele zu erreichen, sei es nun wissenschaftlicher oder wirtschaftlicher Natur. Das ist immer gescheitert.

Die Verhaltensweisen waren nahezu umgehend die, die denen vorort entsprechen. Der Wissenschaftler mit einem deutschen Pass hat sich also so verhalten wie die Leute vorort. Letztlich haben diese Leute dann die Gelegenheit genutzt, typisch arabisch ihr eigenes Ding zu machen und Vorteile zu ziehen.

Tertium datur:

Kannst Du das noch konkreter machen?

Dr. Michael D.:

Also, das müsst Ihr Euch so vorstellen:
Ihr beratet als Arzt den Klinikneubau in einem arabischen Land. Oder die Umstrukturierung dort. Beispielsweise fließen da auch Fördermittel aus Europa oder Deutschland ein. Ihr seid vorort und an der Planung beteiligt. Euer Auftrag- und Brötchengeber in diesem Moment sind die Araber.

Ihr fühlt Ihr Euch aus Eurer Mentalität heraus und aus Verpflichtung den externen Geldgebern gegenüber der deutschen Gründlichkeit und eben auch wissenschaftlichen Ansprüchen verbunden. Das ist einfach Gesetz für Euch. Wir können da nicht über unseren Schatten springen. Es sei denn, Du wirst bestochen, was auch nicht selten vorkommt.

Die Realität, die Ihr dort vorfindet, ist, dass man generell dazu neigt, Schwierigkeiten aus dem Wege zu gehen oder sie zu ignorieren. Auch wenn man damit gleichzeitig bereits im Ansatz ein Problem, das einem später auf die Füße fallen wird, einbaut.
Generell ist es so, dass dort vor allem der Überbringer von schlechten Nachrichten das Problem ist. Nicht zuerst das Problem selbst ein Problem ist.
Mir ist es schon passiert, dass in solch einem Fall einfach mal die Zahlung meiner Beratungstätigkeit verweigert wird. Stillschweigend. Darüber wird dann nicht mal geredet.

Setzt Ihr also dort einen Migranten aus Deutschland mit arabischem Hintergrund ein, so schwingt dieser ziemlich schnell mit dieser Mentalität mit. Dieses „So tun als ob“ wird ja auch in der Familie gelebt, indem man Dinge nicht auf den Punkt bringt, weil es eben unhöflich und despektierlich ist, es zu tun. Kulturell bedingt.

Dieser Migrant ist dort natürlich äußerst gut gelitten. Also nicht nur, weil er kein wirklich Fremder ist. Sondern weil er das mitbringt, wie die Leute dort ticken. Dabei vergisst er dann auch mal gerne europäische bzw. deutsche wissenschaftliche Standards. Die Verpflichtung dieser Mentalität gegenüber überwiegt.

 

Tertium datur:

Waren Deine eigenen Verhaltensweisen dort namhaft anders als zuhause in Deutschland?

Dr. Michael D.:

Meine Verhaltensweisen und meine Art, mich dort zu bewegen, sind natürlich mit wachsener Erfahrung immer souveräner geworden, bis zu einem Grad, dass es mir wurst wurde, wie man mich dort sieht. Mir war immer klar, dass ich nie, nicht mal im Ansatz, als jemand, der dort lebt, akzeptiert würde. Selbst wenn ich zum Islam konvertiert wäre, wäre ich nie zu einem integralen Bestandteil der Gesellschaft geworden. Das ist einfach Nonsens, das zu glauben.

Tertium datur:

Ist es heute noch so, dass Du nicht akzeptiert wirst wie ein Einheimischer?
Woran liegt es, dass Du nach all den Jahren kein Bestandteil dieser Gesellschaft dort werden kannst?

Dr. Michael D.:

Ich kann kein Bestandteil dieser Gesellschaft werden, weil ich kein Muslim bin. Das schließt mich aus.

Und ich habe auch keine „Blutlinie“. Das ist gerade in Arabien eine ganz namhafte Sache. Das ist das, was man hierzulande verpönt, was man also immer mit dieser „Blut- und Bodensache“ der Nationalsozialisten in Verbindung bringt. Dort ist das so lebendig wie es bei Hitler nicht mal war.

Das spielt selbst jetzt noch eine Rolle bei Heiraten. Wenn zwei junge Menschen dort heiraten, ist die Blutlinie extrem wichtig. Man heiratet auch ungerne außerhalb der Stämme. Das ist in Ländern wie Syrien oder dem Libanon ein klein wenig anders, aber auch hier sollte man sich keinen Illusionen hingeben: so sehr anders ist es dann doch nicht – vor allem im Vergleich zur westlichen Welt.

Es ist in Syrien und im Libanon deshalb ein wenig anders, weil es dort sehr viele große Minderheiten gibt, also bespielsweise Christen und auch Juden. Dadurch entstand doch eine gewisse Toleranz gegenüber anderer Kultur. An Rückwärtsbewegung der Toleranz, die vorhanden war, hat durchaus der Westen schuld, also daran, dass sich diese Länder wieder in die Vergangenheit bewegen.

Tertium datur:

Inwiefern siehst Du die Ursache für die Rückwärtsbewegung im arabischen Raum auch bei der westlichen Welt?

Dr. Michael D.:

Ich sehe das so: meine Karriere ist ja gestartet deutich vor 9/11 und deutlich vor solchen Ereignissen, aber schon in der Anfangszeit eines sich abzeichnenden Rückwärtsgangs in der arabischen Welt.

Damals waren Ägypten, Jordanien oder der Libanon Länder mit durchaus westlichen Standards.

Ich bin seinerzeit sehr viel über Kairo geflogen. Noch in den 1990ern ist mir aufgefallen, dass auf einmal überall auf dem Flughafen Gebetsnischen für Muslims errichtet wurden. Ich sah dann auch bei den Frauen viel mehr Kopftücher. Das hatte zu tun mit den kriegerischen Konflikten, die damals über die Bühne gingen.

Gutes Bespiel ist der Golfkrieg und ein ewiges Beispiel ist der Konflikt „Israel und die arabischen Nachbarn“. Dieser ungelöste Dauerkonflikt, der Wurzel von so viel Üblem ist, sodass man es gar nicht mehr einzeln darstellen kann. Diese beiden Konflikte in den 90er Jahren, und auch die Tempelberg-Geschichte, Sharon, der Mord an Rabin … Nicht nur in der arabischen Welt war eine Rückwärtsbewegung festzustellen. Auch seitens der jüdischen Traditionalisten in Reaktion auf Obengesagtes.

Das Kardinalargument auf der arabischen Seite ist immer gewesen: „Wir werden es den Christen nie rechtmachen können. Die Christen gehen auch nicht ehrlich mit uns um. Sie stehen immer auf der Seite der Gegner der arabischen Welt.“

Es wurde immer gesagt: „Die stehen auf der Seite Israels im Palästina-Konflikt.“ Im Golfkrieg war die Haltung, die Iraner seien zwar Muslime, aber die sprechen kein Arabisch, sondern die sprechen eine europäische Sprache. Alles wurde immer auf eine ethnische Dimension gehoben.

„Wir haben von den Christen im Westen nichts Positives zu erwarten“, hieß es überall.

„Wir haben nur eines, auf das wir uns zurückziehen können, und das ist Gott, also Allah.“

Ich habe das so oft auf den Straßen gehört. Auch von den jungen Leuten. Denn in diese Lösung kann man unglaublich viel hineinpacken.

Tertium datur:

Welchen Blick nahm man hier in Deutschland zu dieser Entwicklung ein?

Dr. Michael D.:

Grundsätzlich einen völlig naiven und romantisierenden. Ich nenne mal ein paar Beispiele.

Ich bezeichne das immer als „Ethno-Pop“. Eine kindische Betrachtungsweise ist es, sich einmengen zu wollen in diese doch ganz fremde Kultur.

Ich traf damals in meiner Studienzeit den Klassiker: Ethnologie-Studentinnen, die zum Beispiel in Algerien hängenblieben, weil sie dort den „orientalischen Märchenprinzen“ kennenlernten. Man kann das dann ganz klasse finden, weil es alles hat in dieser Märchenwelt. Sand, Strand, am Meer entlangreiten. Man konnte sich da in wunderschöne Stoffe hüllen und damit rumlaufen. Im Westen liefen alle in Jeans rum. Es war nicht mehr unterscheidbar und uniform. Und die Werte sind nicht mehr da, es wird nicht mehr zusammengesessen. Die Traditionen bei uns sind vergleichsweise verschwunden. Dort kann man zusammensitzen, Rituale zelebrieren, den Ramadan feiern und darin Gemeinschaftsgefühl erfahren. Dort lebt man diese Traditionen gemeinsam. Die Leute vermissen diese Traditonen, die man bei uns vermutlich nur noch in Bayern lebt.

Man kann dann am Feuerchen sitzen und lernt irgendeinen Brauttanz. Die Frauen bemalen sich gegenseitig mit Henna. All diese Dinge eben fanden diese Frauen attraktiv. Das hat zunächst einmal nichts mit der Kultur und ihren Inhalten als solchen zu tun, sondern es geht um das Vermissen von Traditionen und Gemeinschaftsgefühl.

Bei uns gibt es keine Stammesidentität und keine Stammestänze mehr. Ich glaube, das macht für Viele bei uns Bayern attraktiv. Denn überall sonst sind solche Traditionen nahezu tot.

Tertium datur:

Also Tradition als Gefühl von Zugehörigkeit, Sinn, Community?

Dr. Michael D.:

Ja, es ist dieses Gesamtpaket. Das ist ein Dauerbrenner. Das siehst Du heute noch. Warum gibt es diese ganzen Abschlepper an den Urlaubsstränden in islamischen Ländern? Die Frauen, die hierzulande keine Zugehörigkeit mehr empfinden, sind dafür sehr empfänglich. Frauen als Zielgruppe deshalb, weil nur Männer im arabischen Raum dieses „Angebot“ machen dürfen. Als Frau würdest Du vielerorts gesteinigt werden, wenn Du Dich männlichen Touristen anbietest.

Und wenn es um Tradition geht, dann geht es nicht nur um das Gefühl, sondern um ganz Konkretes, das man da haben kann.

Ich lernte übrigens auch wenige Männer kennen, die zum Islam konvertiert sind und sich dort etabliert haben. Das betrifft aber eher Afrika, wo es für einen Mann ziemlich einfach ist,  als Europäer einzuheiraten. Für die Frauen und deren ganze Familie bedeutete dies ja einen sozialen Aufstieg. Beispielsweise im Senegal. Dort ist das dann toleriert, dass Konvertiten eine senegalesische Muslima heiraten, weil es ja für die Familie viele Vorteile materieller Natur hat.

Dieses Gesamtpaket ist also wirklich „bunt“. Ein Studienkollege von mir blieb seinerzeit auch im arabischen Raum hängen. Er konvertierte zum Islam, heiratete in eine muslimische Familie ein, wurde dann Prediger, tritt sogar im Fernsehen auf. Ein sehr bekannter Mullah, der einem wie der Sarotti-Mohr in einer Geschichte aus 1001 Nacht erscheint.

Es hat aber etwas sehr Lächerliches.  Das zum Beispiel bezeichne ich als „Ethno-Pop“.

Nun, dieser Traum vom orientalischen Märchenprinzen findet eben bekanntermaßen für Frauen dann sein Ende, wenn der Prinz durchgängig und konsequent alle Seiten seiner Kultur lebt. Zum Beispiel irgendwann eine weitere Frau anbringt und die Europäerin plötzlich degradiert und diese zur Zweitfrau macht.

Man staunt aber nicht schlecht, wenn auch Frauen dazu bereit sind, die noch in Deutschland ihren Partner nahezu mit Waffengewalt zum Sitzpinkler erziehen wollten, während sie in dieser Ehe mit einem Araber alle kulturellen Auswüchse noch freiwillig mitmachen.

Bei manchen Frauen läuft das dann, wie man ebenfalls weiß, auch mitunter nicht ganz so freiwillig.

Es gibt durchaus Fälle, wo dann der Pass „verschwunden“ ist und diese Frauen nicht mehr dort herauskommen. Auch einheimischen Frauen geht das eben so. Auch das: ein Dauerbrenner.

Tertium datur:

Hast Du Dir irgendwann einmal überlegt, Deinen Lebensmittelpunkt in eines dieser Länder zu verlegen?

Nein, für mich war das nie eine Option. Zum Einen, weil ich Atheist bin.

Warum sollte ich eine Religion heucheln, nur um dort ein Bleiberecht zu ergattern?

Und ich wäre nur an der Oberfläche in eine Gesellschaft eingetaucht, die mich schon aus DNA-Gründen ablehnt.

Was immer für mich funktioniert hat, ist sich dort als „Gastarbeiter“ Respekt durch Professionalität und die Art, wie man sich als Mensch verhält, zu erwerben.

Aber immer hatte das die Perspektive von „Dieser Kerl lebt jetzt hier, ohne dass er sich unseren Frauen nähert“ [lacht und ergänzt] Zumindest nicht so, dass sie es gemerkt hätten. „Und irgendwann reist der wieder ab. Spätestens wenn er 60 ist. Dann wird er sowieso zwangsausgewiesen.“

Ich kenne einen einzigen Fall: der Mann ist Brite, hat eine Ägypterin geheiratet, ist vor ca. 40 Jahren zum Islam konvertiert. Der hat quasi ehrenhalber und wegen guter Beziehungen die Staatsbürgerschaft der UAE erworben. Er ist da ziemlich etabliert und hat wegen dieser Verbindungen materiell ausgesorgt. Aber diese Fälle sind rar.

Man geht nicht davon aus, dass Europäer sich dort dauerhaft und für immer niederlassen. Letztlich wünscht man das auch gar nicht.

Tertium datur:

Ist es so, dass es zwangsläufig noch immer gesetzt und unabdingbar ist, zum Islam konvertieren zu müssen, um dort halbwegs als integriert zu gelten?

Dr. Michael D.:

Ja, selbstverständlich. Heimat wäre nur dann gegeben, wenn ich mich mit all dem identifiziere und bereit bin, auf diese kulturelle Gemeinschaft einzugehen, mich sehr weit anzupassen, wie es z.B. im öffentlichen Leben notwendig ist.

Und der wirkliche „Ankommer“ wäre, wenn man eine einheimische Frau heiratet. Die Kinder müssten dann eben auch anerkannt werden. Das ist in solch einer Konstellation eben gar nicht der Fall.

Tertium datur:

Du sprachst vorhin davon, dass über 60jährige zwangsausgewiesen werden?

Dr. Michael D.:

Ja, natürlich. Das ist beispielsweise in allen Golfstaaten der Fall. Die werden einen Teufel dazu tun, sich um ausländische Rentner zu kümmern. Das sollen mal schön deren Heimatländer tun.

Tertium datur:

Wie sehen eigentlich Deine sozialen Kontakte abseits der Arbeitswelt aus?

Dr. Michael D.:

Ein wenig ändert sich auch dort die Gesellschaft. Aber als ich vor 25 oder fast 30 Jahren das erste Mal dort ankam, war das sehr sehr schwer möglich. Unterschiede in Rang und sozialem Status bleiben dort auch über Ländergrenzen erhalten und sind enorm wichtig in dieser Welt.

Ab dieser Stelle entschieden wir uns, das Interview zu anonymisieren. Michael sagte hierzu:

Auch wenn man sagt, man sagt ja nur die Wahrheit:

 

Die Wahrheit ist, dass in diesen Ländern diese Wahrheit nur schlecht vertragen wird.

Dr. Michael D.: (begründend)

Als „Gastarbeiter in der arabischen Welt“ kann mir das potentiell schaden. Beispiel: da tagen internationale Konferenzen zu Menschenrechtsfragen unter Beteiligung dieser Staaten. In Dubai hat der Scheich Mohammed ausgerufen, als „Ruler of Dubai“, eines Teilstaats der UAE, er möchte den Fortschritt und die Toleranz.

Wie passt das dann zusammen mit dem Urteil gegen eine Norwegerin, die wegen Unzucht im Gefängnis landet? Da passen viele Dinge einfach nicht zusammen. Man erkennt dann irgendwann, dass es als „Gastarbeiter“ nicht ratsam ist, diese eklatanten Probleme anzusprechen.

Auch wenn man sich den Fortschritt gerne ans Revers heftet: unter dieser Anzugsjacke steckt das blanke Mittelalter.

Tertium datur:

Vielen Dank dafür, dass Du uns dennoch weiterhin berichtest. Zur weiteren Frage: das Standesdenken ist also enorm wichtig in der arabischen Welt?

Dr. Michael D.:

Ja, natürlich. Es ist dieses rassistische „Blut- und Boden“-Denken. Warum man Stoffsäcke über Frauen hängt, ist ja genau damit begründet. Es ist die Begründung, wie wir sie im Mittelalter ja auch in unserer Welt hatten: Frauen sind alle potentiell hochgeil und unzüchtig, und Frauen muss man bremsen. Am besten bremst man sie, indem man sie einschließt und ihnen bestimmte Rechte grundsätzlich verwehrt. Oder aber noch heute dort: man hängt Säcke über sie.

Und weil die Frauen eben diese Unzucht unbedingt betreiben wollen, will man schlicht und ergreifend dadurch vermeiden, dass sich ein „Kuckuckskind“ unter die eigene Blutlinie mischt. So einfach ist der Grund der Vollverschleierung oder der Verschleierung auf den Punkt zu bringen.

Der große Zusammenhang ist eben kein religiöser, sondern dass man „das Blut reinhalten“ möchte. Das wird Dir jeder Araber auch genau so sagen. Ganz ungeniert. „Wir wollen keine Vermischung mit irgendwelchen anderen Leuten.“

Noch bevor es um irgendwelche Fragen der Untreue etc. geht, geht es um dieses Denken!

An dieser Stelle kam die Sprache im Interview nochmal kurz auf das Anonymisieren, was wir eigentlich nicht vorgehabt hatten. Michael sagt dazu:

Dr. Michael D.:

Obwohl ich einen offener Mensch bin, finde ich den Gedanken, meine Identität zu anonymisieren aus einem Grund ganz gut: damit sehen die Leute in Deutschland einmal, wie das andernorts wirklich mit Alltagsrassismus aussieht.

Vielleicht können wir damit mal bei einigen Leuten hierzulande die Sichtweise öffnen?

Ich freue mich jedenfalls darauf, wenn wir aus diesem Interview eine ganze Reihe machen, wodurch sehr, sehr viele Themen beleuchtet werden können, die durchaus auch mit uns in Deutschland zu tun haben. Gerade im Hinblick auf die Migranten aus dem arabischen Raum. Meine Perspektive ist in Deutschland unterrepräsentiert bzw. wird gar nicht erst zur Kenntnis genommen oder veröffentlicht.

Tertium datur:

Danke. Wir schätzen Deine Bereitschaft hierzu sehr hoch ein und sind gespannt, wohin uns unsere Gespräche führen werden. Du sprachst die sozialen Kontakte an. Darauf würden wir gerne noch einmal zurückkommen. Denn in Deutschland zeigt sich uns, dass Migranten aus der arabischen Welt vielfach und vorwiegend nur in der eigenen Community leben.

Dr. Michael D.:

Auch die Gesellschaft im arabischen Raum verändert sich dahingehend, dass es Frauen und Männer gibt, die sehr wohl als Dissidenten bezeichnet werden können. Es gibt auch dort Menschen, die sich abfällig zur Religion äußern. Eben aus der Erfahrung heraus, was es alles bedeuten kann. Ich hörte schon lange vor dem Jahr 2015, dass sie mich beneiden für die Freiheiten, die ich genieße als Mitteleuropäer. „Ich wäre so gerne ein freier Mensch“, war ein Satz, den ich schmerzlich häufig hörte.

Es gibt eben dort auch Leute, die unter diesen Verhältnissen leiden, und die mit Sorgenfalten erkennen, dass sich die Gesellschaft rückwärts bewegt.

Tertum datur:

Das sind also gewissermaßen die Abdel-Samads der arabischen Welt?

Dr. Michael D.:

Ja, genau die. Sie haben Sehnsucht danach, in einer anderen Gesellschaft zu leben als der, die vorsieht, zwanzig Kinder zu zeugen und dann wieder von dieser Welt abzutreten. Auch hier stellen sich viele teilsweise zermürbenden Sinnfragen.

„Wollen wir ewig in einem mittelalterlichen Kalifat leben oder wollen wir uns auch zu einer Gesellschaft entwickeln, die mehr zu bieten hat als das?“

Wir hatten das ja bereits vorhin behandelt, als ich sagte, ich müsste zum Islam konvertieren, um dort dauerhaft etabliert zu sein. Man sieht eindeutig, wo der Schwerpunkt gesetzt wird: in der Religion als Zentrum allen Seins.

Ein Beispiel: man weiß ja, dass der Mufti von Jerusalem gute Beziehungen zu Deutschland in der Hitler-Zeit hatte. Nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches emigrierte ein Nazi von Berlin nach Jordanien und heiratete dort eine Einheimische. Dessen Sohn Hadi lebt noch heute dort. Auch sowas funktioniert, wenn die Weltbilder übereinstimmend sind. Dennoch war es ein Problem, dass er ein Halb-Deutscher ist.

Die Leute dort haben den enormen sozialen Druck, der durch das Medium der Religion ausgeübt wird, einfach satt. Durch das relativ viele Geld, das sie dann andererseits zur Verfügung haben, können sie nicht den Lebensstil – auch nicht mit bzw. durch Geld – pflegen, der bei uns möglich ist. Das schafft natürlich eine gehörige Portion Frustration und befördert das Gefühl von Unfreiheit.

Leben und leben lassen ist ein Faktor, den es in dieser Welt einfach nicht gibt.

Natürlich spielt es eine Rolle, dass die Welt vernetzt ist: über das Internet, das Satellitenfernsehen u.v.m. Und so wird eben auch wahrgenommen, wie wir in der westlichen Welt unser Leben gestalten können und welche Einschränkungen Menschen in arabischen Gesellschaften erfahren.

Andererseits gibt es dann die Familienserien als Seifenopern aus zumeist ägyptischer oder libanesischer Produktion, die unsere westlichen Sichtweisen kategorisch ausklammern.

Vor allem aber die männliche Jugend schaut westliches Fernsehen, was – verständlicherweise – entsprechende Begehrlichkeiten weckt.

Tertium datur:

Lass uns doch nochmal zum Heimat-Begriff zurückkommen, von dem eigentlich diese Artikel-Serie handeln sollte. Kannst Du Dir vorstellen, in der arabischen Welt beheimatet zu sein?

Dr. Michael D.:

Ein ganz klares: Nein! Auch wenn ich wollte, so würde mir das nicht gelingen. Die Unterschiede sind einfach zu groß. Die arabische Welt kann nie eine Heimat für mich werden. Ich identifiziere mich weder mit dem Weltbild noch mit der Religion. Es zu tun, wäre aber die Basis dafür.

Ich hatte ja auch jahrelange Aufenthalte in der Region, also wo ich dann auch fest dort gewohnt und gelebt habe. Die Leute hier waren immer etwas neidisch und fanden das aufregend „exotisch“. Der Lebensstil und die Tropen und dann hat man da auch noch eine Haushälterin und „residiert“ wie in Mitteleuropa eben nur Bonzen leben können.

Aber … es fiel mir schwer, ihnen das klarzumachen, dass es für mich als Heimat keine Option ist, weil es natürlich Dinge gibt, die mir Spaß machten und die für mich attraktiv sind. Beispielsweise habe ich mir angeeignet, diese Landstriche sehr genau zu kennen. Teilweise sogar genauer als die Einheimischen. Ich bin dort ein richtiger „Desert Ranger“ geworden, was mir enorm viel Spaß gemacht hat. Ich kann Dir innerhalb einer Stunde genügend Wasser und ausreichend zum Essen finden, und wenn ich nicht will, wird mir auch niemand folgen können, weil ich gelernt habe, meine Spuren zu verwischen. All dies sind durchaus wertvolle Erfahrungen, verbunden mit vielen Erlebnissen. Aber es war nie meine Heimat, es ist nicht meine Heimat und es wird nie meine Heimat werden.

Tertium datur:

Gibt es auch Übereinstimmungen mit unserer Welt?

Dr. Michael D.:

Die Arbeitswelt dort im arabischen Raum ist sehr „amerikanisiert“ worden, sodass es mich fast friert.

Ich bin ein eingefleischter Fan des deutschen Arbeitsrechts. Ich bin ein großer Fan unserer Freiheiten, basierend auf den Bürgerrechten. Bin ich dort in arabischen Ländern, dann weiß ich wieder sehr genau, warum ich das bin.

Teil 2 des Interviews folgt – der besseren Lesbarkeit halber – mit einem nächsten Artikel …

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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2 Kommentare

  • Gabriela

    Viele Aussagen kann ich als sog. Gastarbeiterkind (väterlicherseits) nachvollziehen, zwar habe ich keinen muslimischen Migrationshintergrund, aber einen sehr tradierten, erzkatholischen, sizilianischen.

    Viele Gepflogenheiten, Regeln und Verhaltensweisen waren mir schon als Kind suspekt und passten nicht in mein Weltbild und konnten auch nie passend gemacht werden. Und ich erinnere mich, dass mein Vater darüber fast schon verzweifelte, dass seine Tochter so deutsch war und ist.

    Ich bin sehr dankbar für ein solches Interview, bestätigt es doch auch mein „seltsames“ Gefühl, dass künstlich herbeigeredete und -geführte Gebilde à la Multikulti absolut unmöglich sind.

    Und ich stimme Peter zu: hochspannend!

  • Peter

    Interessant und hochspannend.

    Vieles ist aus eigenem Erleben wieder zu erkennen und dabei plausibel beleuchtet (sofern es der eigene Erfahrungshorizont hergibt).
    Bin schon neugierig auf die hoffentlich kommende Fortsetzung.

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