Auschwitz-Gedenktag. Oder: „Das Werfen mit Opfern ist Idioten verboten“

Nachbetrachtung zum Auschwitz-Gedenktag von: Ao Krippner [Tertium Datur]

Wie verfasst man ein Essay angemessen, das vom 74. Gedenktag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz handeln soll? Kann man überhaupt noch etwas über alles, was an einem solchen Tag von Allen bereits in irgendeiner Form gesagt wurde, darüber hinaus sagen? Wie schafft man es, dabei nicht schulmeisternd und belehrend zu wirken, wenn man sich doch gerade vom Schleudertrauma wegen des heftigen Kopfschüttelns zu erholen beginnt? Und: darf man diese Gedanken mit solch einer Überschrift übertiteln?

Tage wie der vergangene bewegen sich nicht zwischen, sondern an zwei sich gegenüberliegenden Polen:

der Inszenierung der sogenannten Erinnerungskultur und dem ihr entgegengehaltenen Begriff des „Schuldkult“. Das Dilemma tut sich an der Stelle auf, an der ein Jeder dazu genötigt wird, sich an einem der beiden Pole zu positionieren, um nicht der Gleichgültigkeit verdächtigt zu werden oder aber gar, im schlimmsten Falle, des Relativierens.

Wenn ich über die Jahre hinweg die Menschen in meinem Umfeld wahrnehme und ihr Unbehagen, das sie dabei empfinden, sich an einen der Pole zu bewegen, fühle ich deren Authentizitiät und auch deren Anteilnahme am Leid der vielen Opfer des NS-Regimes mehr als bei jenen, für die alles – je nachdem, an welchem Pol sie stehen – eine klare und beschlossene Sache ist. Ich fühle mich jenen näher, die mit jedem Jahr, das vergeht seit der NS-Zeit, bewussteren Umgang mit unserer jüngsten Geschichte erlangen, als jenen, die – wahlweise – zum Vergessen zwingen oder die Selbstinszenierung aufzwingen.

Das Zelebrieren der Erinnerungskultur, wie es bei uns vonstatten geht, zumal noch in Zeiten der Virtualität, also in den Social Media und in den Medien ingesamt, kommt auch mir wie eine Schablone vor, also wie ein Abdruck, den nicht die Überlebenden oder die Toten und Opfer hinterließen und der somit das, was geschehen ist, in Form als ein Abbild der Realität hinterließ. Diese Schablone erscheint mir wie ein Remake eines alten Filmes, der – mit viel Kreativität und in greller Farbe und mit einer Filmmusik, die bloß den heutigen Zeitgeist intoniert – nurmehr als Schatten und als Hintergrundrauschen wahrzunehmen ist, während man lediglich die Rezension dieses Filmes tanzt und spielt und darüber die Stimmung, die Aussage und den Ausdruck des Originals vergisst beziehungsweise sogar marginalisiert. Dialoge, Bilder und Stimmung dieses alten Streifens und dessen Geist werden lediglich imitiert, wobei man vorgibt, all dies zu rezipieren oder gar gerade eben fast schon authentisch zu fühlen.

Dieses So-tun-als-ob geht sogar so weit, dass man in die Rolle des Opfers selbst einzutauchen versucht und demzufolge auf der anderen Seite nahezu zwanghaft einen Täter sucht, um die Rolle und diese Schablone perfekt darstellen zu können.

Liegt da dann also nicht nahe, von einem Schuld“kult“ zu sprechen, also einem geradezu zu religiösem Ritus erhobenen Vorgang? Oder liegt es nahe, eben gerade deshalb nicht von Schuld“kult“ zu sprechen, weil diese Verbrechen und die Millionen Opfer eine unauslöschliche Wunde in die „kollektive Seele“ gerissen haben, die man nur mit solchen Ritualen wenn nicht heilen, dann aber zumindest pflegen kann?

Die Ankläger des „Schuldkult“ führen dessen Instrumentalisierung für politische Zwecke an. Das Maß, das ich persönlich ansetze, liegt für mich immer in der Authentizität und Ehrlichkeit innerhalb dieses Rituals. Es ist für mich kaum zu spüren, zumal dann nicht, wenn aktuelle politische Dispute sich vergleichend und damit eben ihrerseits relativierend der Erinnerungskultur bedienen und diese damit ganz klar missbrauchen.

Wenn politische Menschen verächtlich von „Schuldkult“ anstatt von Erinnerungskultur sprechen, so missbrauchen sie ebenfalls, indem sie – politisch – vorgeben wollen, wann die Erinnerung an diese dunkle deutsche Vergangenheit zuende zu sein hat und/oder wie sie vonstatten geht. Auch dies eine Anmaßung in einer Lautstärke, die ebenso unerträglich ist wie das Spektakel auf der anderen Seite.

Unsere Erinnerungskultur, die ich für einen natürlichen Prozess halte, wird zum Babylon derer, die sich damit wie Säulenheilige ausstellen, und jener, die Übernahme von Verantwortung sowie Bewusstsein für das Geschehene mit Schuldzuschreibung am Geschehenen verwechseln. Von würdigem Gedenken, von Innehalten und von echter Wahrnehmung von so viel Leid in unserer jüngsten Vergangenheit kann längst schon keine Rede mehr sein. Dazu feiern sich alle Lager – mit ihrer jeweiligen Haltung – viel zu deutlich und viel zu vulgär. Tage wie dieser sind jedoch kein Grund für Feierlichkeiten, sondern für wenigstens einige Momente, in denen man zur Ruhe kommt und den Nachhall dieser Ereignisse einfach in ihren eigenen Tönen, Farben und Formen für sich dastehen und wirken lässt.

Ich denke, die vielen Opfer, die Toten, die Überlebenden, die Gequälten, die Gedemütigten sind nie ferner als an solchen Tagen und an den Orten des Gedenkens.

Im Grunde müssen sie sich posthum gequält fühlen von denen, die gerade wegen der Ereignisse im sog. Dritten Reich am liebsten den deutschen Staat, das deutsche Volk und alles, was sich nur im Entferntesten daran ableiten lässt, auslöschen möchten. Sie morden ideologisch weiter und zeigen sich – paradoxerweise – als Rassisten, weil sie bis heute „den Juden“ eben nicht als Teil der deutschen Gemeinschaft, als Deutsche empfinden, sondern wie einen Fremdkörper in der damaligen Gesellschaft, der entfernt wurde. „Der Volkskörper“, wie ihn die Nazis verstanden und bezeichneten, bestand eben nicht aus Juden, und diese NS-Ideologie wird dadurch bis heute fortgesetzt, indem nicht begriffen wird, dass die Deutschen, das NS-Regime sich selber mit der Shoa, mit dem Genozid an Juden, einen Teil des eigenen Herzens herausriss.

Und ebensowenig begreift es die andere Seite, die findet, es ist nun genug getrauert, erinnert und an die Zeit zwischen 1933 und 1945 gedacht, weil sie ja nur einen Bruchteil deutscher Geschichte ausmache – und eben halt einen dunklen Fleck, aber nur einen kleinen. Diese andere Seite verweist darauf, dass uns unsere Identität genommen werden soll – als Sühne für die Verbrechen -, wenn ständig darauf verwiesen wird, wie sehr wir, weil wir Deutsche sind, an dieser Erbschuld zu tragen hätten und bereit sein müssten, dass diese nur ausgelöscht werden könne, wenn alles, was uns als Nation verstehen lässt, vergeht.

Auch diese Seite versteht nicht, dass unsere Identität auch eine jüdische ist. Auch sie scheidet einen Teil von uns selbst aus, wenn sie darauf beharrt, mit dem Ende der Erinnerungskultur fänden wir zu uns, zu unserer Identität zurück.

Beide Seiten aber befördern eines – und das tragischerweise noch heute: sie lösen, jeder auf seine Art, einen katalysatorischen Prozess aus, der unsere Definition in unserer Ganzheit unmöglich macht. Zu unserer Ganzheit gehört „das Deutsche“, das „das Jüdische“ genauso in sich birgt wie „das Christliche“, das „Atheistische“.

Der Holocaust, der grausame Mord an den Juden, war eine der größten Selbstverletzungen, die sich unser Volk je zugefügt hat.

Diese Selbstverletzung geht an Tagen wie heute weiter, wird fortgesetzt … und das ist der eigentliche Sündenfall und die Erbsünde und -schuld der Deutschen. Wenn die NS-Verbrecher es nicht geschafft haben, einen Teil von uns nahezu vollständig zu zerstören, dann schafft man es heute damit, das Unrecht auf andere Art, in kleineren Dosen fortzusetzen,

– indem es Juden wieder schwer gemacht wird, in unserem Land und in ganz Europa unbehelligt zu leben,

– indem man den Holocaust nur in der Vergangenheit verortet und übersieht, dass wir alle ein Teil des Ganzen sind und das Nichtanerkennen dessen abermals separiert, trennt, ausscheidet

Einer der Sätze, die mich in den letzten Jahren am meisten berührten, ist von Leon de Winter im Gespräch mit Henryk M. Broder in der Dokumentation von Joachim Schroeder „Der ewige Antisemit – Arbeitstitel: Die Geschichte einer unerwiderten Liebe“:

«Was haben unsere Eltern und Ahnen dieses Europa geliebt. Das bürgerliche Ideal. Es hat wenige Gruppen gegeben, die mit so viel Hingabe das umarmt haben, als im frühen 19. Jahrhundert die Türen von den Ghettos geöffnet wurden, wie besessen, wie unglaublich hungrig. Ich glaube, wir erleben gerade die letzte Phase der jüdischen Existenz in Europa. Es war eigentlich eine nie beantwortete Liebe. Ich denke, in vierzig, fünfzig Jahren gibt es eigentlich keine Juden mehr in Europa.»

Nun sollen die Türen abermals verschlossen werden. Jeder wird in ein politisches Ghetto getrieben. Die deutsche Gesellschaft möchte – so, wie sie sich entwickelt hat, – nicht mehr stattfinden. Nein, Antisemitismus ist nicht nur ein deutsches Problem. Und nein, dieses Problem liegt nicht ausschließlich in der Vergangenheit. Antisemitismus hat in unserem Land sehr viele Gesichter. Und weil Juden zu uns, zu Deutschland und zu Europa gehören, gab es Antisemitismus schon immer, es wird ihn wohl auch immer geben. Tage wie dieser Gedenktag können nicht darüber hinwegtäuschen. Tage wie dieser Gedenktag sind jedoch völlig unnötig, wenn sich das Bewusstsein dafür nicht endlich schärft, wie wir Antisemitismus in der Gegenwart bewältigen und beseitigen können. Juden saßen in den Konzentrationslagern gemeinsam mit politisch Verfolgten, mit Geistlichen, mit ethnischen Minderheiten.

«Und ich weiß auch nicht, wieso dieses Thema bis heute ein Thema sein muss. Umso mehr ärgert es mich, dass es in Wahrheit die Mehrheit der Menschen gar nicht interessiert. Antisemitismus wird wahrgenommen als ein lästiges Thema, das man im Zweifel zu Gedenktagen abarbeiten muss.» (Joachim Schroeder zum Film)

Antisemitismus ist politisch links zu finden. Antisemitismus ist rechts zu finden. Antisemitismus zeigt sich in der linken Kritiklosigkeit gegenüber den Linken und gegenüber Despoten genauso, wie er sich in der rechten Relativierung und Verklärung der Rechten auftut. Man findet immer Gründe für ihn. Mal ist es der Sozial- und Bildungsneid, mal ist es der Hass auf alles Deutsche, zu dem eben auch die Juden in Deutschland und die deutschen Juden in Israel gehören. Mal ist es eine Krise, die sich an Juden entlädt. Mal ist es die Pseudotoleranz, die die Türe weit für religiöse judenhassende Fanatiker öffnet, ohne darauf zu bestehen, dass Juden ein Teil von uns sind und jeder Angriff auf diesen Teil ein Angriff auf uns alle ist. Deutschland nicht mehr als Nation betrachten zu sollen, ist ebenso ein Angriff auf Juden, die in dieser Nation als untrennbarer Teil von ihr leben und denen man ebenfalls damit die Identität raubt.

Die Zeit dieser großen Selbstverletzung im Dritten Reich als „Vogelschiss“ im zeitlichen Rahmen der gesamten deutschen Geschichte, also als vergleichsweise klein zu bezeichnen, ist ein Angriff auf unsere Identität, sind doch die Wunden in allen Fasern und in jeder Zelle einer jeden Familie in unserem Land in irgendeiner Form bis in die Gegenwart hinein zu spüren. Diese Sichtweise ist ebenso Identitätsleugnung. Es ist eine infantile Sichtweise und zeugt gleichzeitig von selbstüberhöhender Anmaßung, das, was die Gesellschaft der Gegenwart geformt hat, als zu vernachlässigen und als relativ unbedeutend zu bezeichnen.

Das Büßergewand steht uns aber genausowenig, wie es uns zusteht, uns gegenseitig mit den Opfern zum Zwecke der Durchsetzung irgendeiner Ideologie zu bewerfen und Argumente mit Toten zu erschlagen.

Unsere Gesellschaft ist der Makrokosmos, der das, was er sich selbst zugefügt hat, mitzutragen und weiterzutragen hat. Weil es nunmal geschehen ist. Das Individuum, der Mikrokosmos, weiß, so er reif, bewusst und erwachsen ist, wie er mit dem, was ihn genauso betrifft, umzugehen hat. Erhaben über alle Inszenierungen der Selbstbeweihräucherung, entschieden im Bewusstsein um die Bedeutung dieser Epoche im letzten Jahrhundert.

Aktionen bzw. politische Agitation wie #NazisRaus in den Social Media, also geradezu die Zwanghaftigkeit, einen Täterkreis zu konstruieren, der beliebig ausgeweitet wird auf völlig Unbescholtene anderer Meinung, auf Konservative und im Grunde auf jeden, der sich aus einem Selbstbewusstsein heraus keiner weiteren Selbstverletzung aussetzen mag, operieren mit demselben Geist wie Kräfte, die Seperatismus ausleben und damit sich selbst und alles Entgegenstehende in einem sich gegenseitig befruchtenden Prozess weiter und weiter radikalisieren. Fatal, dass solche Prozesse, die möglicherweise wieder – wie damals – in Gewalt gegen „das Eigene“ münden werden, auch noch von Politikern unterstützt und mitgetragen werden. Dieselben Monologe an die und in der eigenen Echokammer mit dem Ziel, einen Teil unserer Gesellschaft auszuscheiden, finden auf Seiten derer statt, die als Nazis diffamiert werden, so, als handele es sich bei den Menschen der anderen politischen Seite nicht auch um ein Teil dessen, was sie so gerne hochhalten: „wir“ – „das Volk“.

Wenn wir weiterhin nicht mehr miteinander reden können, brauchen wir auch nicht über die Opfer des Faschismus reden.

Wenn wir nicht bedenken, wo wir gerade stehen, brauchen wir auch nicht zu gedenken.

Die Feindseligkeit richtet sich dann – damals wie heute – gegen uns selbst.

Für mich persönlich ist das Maß der Toleranz voll. Ich toleriere, also erdulde nicht mehr die so offensichtliche Zerstörung des Ganzen, indem man jeweils einen Teil, den jeweils anderen Teil zerschlagen möchte. Ich toleriere darin keinen Extremismus mehr, der trennt und der jeweils die Wahrheit für sich in Anspruch nehmen möchte, und der für sich die dem Zweck dienenden Mittel heiligt.

Ich erdulde nicht mehr, wenn sich ein Muslim wie Hamed Abdel-Samad nur noch mit Personenschützern der Bundespolizei in Deutschland bewegen kann, weil er mit dem Tode bedroht wird, während man sich einstweilen selbstgerecht mit den Toten des Holocaust schmückt. Ich erdulde nicht mehr, wenn linke Journalisten gegen jeden, der sich jenseits ihrer Meinung bewegt, offen zur Gewaltanwendung aufrufen. Ich erdulde nicht mehr, wenn Menschen zu Rettern und Helden stilisiert werden, die rechtzeitig zum Fest der Liebe die Wiedereinführung der Todesstrafe in den Raum stellen. Ich erdulde nicht mehr, wenn man auf die 1000jährige Geschichte der Deutschen verweist, die Juden damit aber nicht meint und Gedenken an Menschen, die Anteil an dieser Geschichte hatten, für unnötig hält. Ich dulde nicht mehr, wenn sich jemand Antifaschist nennt und dies mit faschistischen Methoden zu exerzieren gedenkt.

Und weil die vielen Toten, die Juden, die politisch Verfolgten, die Geistlichen, die ethnischen Minderheiten, die Schwulen und die unbequemen Künstler, so viel erdulden mussten, sollten Menschen, die sich all dies ins Bewusstsein rufen, nichts mehr erdulden und sich den wirklichen Sinn eines solchen Gedenktages ins Bewusstsein rufen. Ich bin mir sehr sicher, es gilt hier tatsächlich:

#wirsindmehr als Ihr an diesen beiden Fronten.

 

Das Judentum in Europa wird zwischen den Fronten zerrieben,

wie man die Gräber zwischen den Fronten zerreibt.

 

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