Brief von Richard Feuerbach – Antwort I – #Brückenbauen #OffenerBriefwechsel

von: Redaktion [Tertium datur]

Ao hat Antwort auf Ihren Brief an Richard Feuerbach erhalten. Auf seinem Blog ist der Brief hier zu finden.

Von Richard Feuerbach

Liebe Ao Krippner-Rehm,

gerade las ich Deinen Brief an mich, den Du als Reaktion auf meinen Tweet

tweet

auf Deinem Blog veröffentlicht hast.

Ich danke Dir zunächst sehr für diesen offenen Brief, aber v.a. dafür, dass Du Dir so schnell die Zeit genommen hast, Dich mit mir und meiner Aussage konstruktiv auseinanderzusetzen. Das ehrt mich und deshalb möchte ich Dir auch schnell und ebenso konstruktiv antworten.

Ja, ich stimme Dir zu, dass wir beide nach den politischen Debatten der letzten Jahre, mit all ihren wohl leider erforderlich gewordenen, kraftvollen und bisweilen weit über das verträgliche Maß hinausgehenden Positionierungen den Wunsch nach einer sich wieder öffnenden Diskurs- und Debattenkultur hegen. In unseren intensiven Gesprächen haben wir das einander deutlich gemacht und hier einen gemeinsamen Nenner gefunden. Wir haben es sogar geschafft unsere Gespräche ohne Streit und mit einem Gefühl von „Es ist noch nicht alles verloren“ zu beenden.

Diese offenen Gespräche sind ein weiterer Grund Danke zu sagen. Denn das ist leider nicht mehr selbstverständlich in unserer Zeit, in unserer Gesellschaft. Und wenn zwei Menschen wie wir, mit unserem doch recht ausgeprägten Sendungsbewußtstein, aufeinander prallen, dann grenzt es eigentlich schon fast ein Wunder, dass wir uns nicht gegenseitig die Haare ausgerissen haben. Wie es sich anfühlt verleumdet, denunziert und diffamiert zu werden, dass kennen wir aber beide und mit uns sicher auch viele andere schreibende, bloggende und politisch nicht immer korrekte Mitstreiter. Es geht um Lösungen für brennende Probleme. Ich sage ja gerne, dass wir auf einem gesellschaftlichen Pulverfass leben. Es gilt zu verhindern, dass die Lunte angezündet wird und Wege zu finden, wie man die Situation entschärfen kann. Es geht um Konstruktion, nicht um Dekonstruktion.

Wie Du völlig richtig angemerkt hast, durchlaufen wir verschiedene Phasen. Fortwährend. Hier möchte ich dir zum ersten Mal widersprechen. Du schriebst : “Aus unseren Gesprächen weiß ich, dass Du genauso wie ich Phasen durchlaufen hast und noch durchläufst, die zwischen einer radikalen Abwendung von allem Politischen – bedingt durch ein hohes Maß an Frustration und bisweilen auch, daraus resultierend, Wut – und einem engagieren Einbringen, z.B. durch das Schreiben in unseren Blogs oder in den Social Media, alle denkbaren Zustände und Schattierungen beinhalten.“

Diese Deine Formulierung insinuiert, dass ich weiterhin Phasen durchlaufe, Du jedoch irgendwo angekommen bist. Das glaube ich nicht. Wir durchlaufen alle fortwährend Phasen im Leben. Das endet nie. Das Leben ist immer wieder ein Neuanfang und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.

Den Waldgang, hier gestehe ich eine eklatante Bildungslücke, habe ich mir soeben bestellt und werde ihn asap lesen. Mal sehen, was er mit mir macht.

„Frage: Wie verhält sich der Mensch angesichts und innerhalb der Katastrophe?
Als „Waldgänger“ beschreibt Jünger einen Menschen, der sich gedanklich unabhängig hält von der umgebenden Gesellschaft und zum Widerstand fähig ist, falls der jeweilige Staat ein verbrecherischer ist oder wird.“

Die Essenz aus diesem einleitenden Text ist für Dich die Passage „gedanklich unabhängig“. Ganz ehrlich…manchmal denke ich mir: Je weniger man liest und von außen in sich aufnimmt, desto unabhängiger denkt man. Wir Menschen manipulieren uns gegenseitig.

Es ist eine wahre Kunst die Gedanken anderer Menschen in sich so zu integrieren, dass man am Ende immer noch man selbst ist. Aber der Weisheit letzter Schluss ist sicherlich nicht die Dummheit oder die Bildungslücke. Deshalb werde ich mir nun auch dieses Werk einverleiben.

Brückenbau, und auch da hast Du mich korrekt analysiert, bedeutet für mich schauen, helfen, analysieren, gegenüberstellen, debattieren, gemeinsam zum Gemeinsamen zu verhelfen. Das Du das ähnlich siehst, ist eine gute Basis für fruchtbare Diskussionen und dafür etwas konstruktives zu erschaffen.

Ich bin es tatsächlich leid Stellungskriege zu führen. Stellungskriege sind nun mal keine Debatten mehr. Mir ist dabei allerdings weniger nach „Ästhetisieren“ als nach einfachen Gefühlen wie Sicherheit, Geborgenheit und Selbstverständnis. Es sollte einfach Werte geben, die uns eben diese Gefühle vermitteln. Das ist in diesem Deutschland, in diesem Europa, in dieser westlichen Welt zur Zeit nicht mehr der Fall. Wir befinden uns in einem Zustand maximaler gesellschaftlicher Entropie.

Was das Thema „Elitenbildung“ angeht…nun…das ist so gar nicht mein Thema. Ich sehe mich weder als übermäßig intellektuell an, noch als befähigt zu einer Elite zu gehören. Es ist mir lieber einfach ein ganz normaler Mensch sein zu können.

Wenn also von

„Wir erleben keine Staatsmänner mehr, sondern nur noch Politiker.“

die Rede ist, dann kann man hier wahrlich nicht von Eliten sprechen. Viel eher von profilneurotischen Karrieristen, die einem Listenplatz, der Selbstdarstellung und ihren persönlichen Vorteilen hinterher geifern. Das sich ausgerechnet diese Leute selbst als Eliten sehen, und ich denke da stimmen wir überein, ist ein absoluter Hohn. Diese Figuren sind tatsächlich nicht in der Lage und willens, Deinem und meinem Anspruch, endlich einen konstruktiven Streit in der Sache einzugehen, gerecht zu werden.

Wir Beide sind und bleiben also in diesem Sinne hoffentlich am Ende wirklich Menschen, die als als sendungsbewußte, durchaus auch mal von sich selbst überzeugte Blogger ihren Gedanken Luft verschaffen können und hoffen dürfen, dass der eine oder andere ekelhafte Gedanke dabei ist, der geeignet ist etwas in den Köpfen zu bewegen und zu verändern. Gerne und bevorzugt in echtem politischen Streit.

Dein Bild der Mosaikteile aufgreifend möchte ich den politischen Blogger mit einem Puzzlespieler vergleichen. Was wir hier machen ist wie ein Gameplay-Video auf YouTube…für politisch Interessierte, statt für Zocker.

Wenn ich schreibe, „es erscheint mit Linken, Grünen und Sozialdemokraten immer unmöglicher“ eine Debatte ohne Schaum vorm Mund zu führen und Du diese Aussage kritisierst und ihr widersprichst, dann muss ich Dir bei genauerem Hinsehen zum zum Teil (also zum Teil!) recht geben. Genau diese Unterstellung und Zuweisung unterbindet den von mir gewollten Brückenbau. Die Aussage schließt aus, dass es mit überhaupt noch irgendwem möglich ist einen Diskurs auf Augenhöhe zu führen. Die andere Wahrheit ist aber leider auch: Es bringt nichts den Balken im Auge des Gegenübers zu füttern und jemandem hinterherzulaufen, um Diskurs bettelnd, der diesen pauschal in seiner ideologischen Verbohrtheit ablehnt und statt sich auf Argumentation und Meinungsaustausch einzulassen nur noch die Klaviatur der Diffamierung spielt und die Oper vom toleranten Keulenschwinger aufführt. Da kommt es dann auf jeden selbst an, ob er dieses bescheuerte Spiel mitspielt, den Spieltisch wütend um sich schlagend umstößt, sich geschlagen gibt, sich über den Spieler lustig macht oder frustriert, mosernd zurückzieht. Meine subjektive Option ist: Augen zu und durch. Im Notfall kämpfen wir wie einst Don Quijote gegen Windmühlen und wählen lieber einen Hydranten als einen Falschspieler oder Abzocker.

Augen zu und durch, heißt für mich aber nicht, dass ich mich zum Teil einer Diskursverweigerung machen möchte. Im Gegenteil. Da haben wir dann wohl dieselbe Entscheidung getroffen. Mein Vorschlag ist also: Niemals wirklich aufgeben, aber immer mit Bedacht agieren, nicht agitieren, und sich immer und wieder selbst reflektieren, die eigene Haltung prüfen und auch mal den Mut haben offen zu sagen, wenn man sich geirrt hat. Ich habe das getan, indem ich mich auf Twitter gelöscht habe…ok…das war dann wohl mal so gar nix…und fast die Hälfte aller Artikel auf meinem Blog gelöscht habe, weil ich nicht voll und ganz hinter ihnen stehen konnte. Nicht mehr.

Ich hoffe das wird der Beginn einer langen Offener Brieffreundschaft und grüße Dich herzlich

Richy

 

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