Das Ende der Wende – Von der Sehnsucht nach der (Wieder)Vereinigung

Stimmungsbild von: Wolfgang Steinherz [Tertium Datur]

Ich habe mich oft gefragt, was wohl aus Deutschland geworden wäre, hätte man in den Wendejahren beiden politischen Systemen die Möglichkeit gegeben, jeweils das Gute und Funktionierende zu erhalten, um so etwas völlig Neues zu wagen.

Stattdessen hat die „lahmende kapitalistische Krake mit ihrem hinterlistigen Versprechen nach unendlicher Freiheit“ Gleichmacherei auf ihre Art betrieben.

30 Jahre nach der Wiedervereinigung merkt auch langsam der letzte Ostdeutsche, dass es nie um Zusammenführung und Einigkeit gegangen ist, sondern nur darum, als Konsument über westliche Märkte zu schlendern. Man hat den Ossi vom Käfig ins Laufrad gesetzt und da strampelt er nun seit drei Jahrzehnten, um mit kaputtem Rücken und mittels Tabletten eingestellter Hypertonie festzustellen, dass das Seelenheil doch irgendwo anders liegen muss als in der Tatsache, überall hinreisen zu dürfen und sich theoretisch alles kaufen zu können.

In den Jahren vor der Übernahme des Ostens durch den Westen war es das Schönste für mich als damals Zehnjährigen, wenn die Verwandtschaft aus dem heiligen Land zu Besuch kam und all die gut riechenden Luxusgüter wie Ölsardinen, Alaska-Seelachsschnitzel oder Scheiblettenkäse mitbrachte. In der Zone gab es keine Donald-Duck-Hefte, kein dreilagiges Klopapier und auch keine Hörspielkassetten von Perry Rhodan.

Ich fragte mich also: was lief schief im Sozialismus, sodass die Genossen eine Grenze bauen mussten, um zu verhindern, dass meine Mutter die Bananen in Eschwege kauft?

Eine Erzählung meines Vaters über ein Kind in der Nachbarschaft macht mich heute noch traurig, wenn ich daran denke. Seine Mutter war eines Tages Bananen kaufen gegangen und sie kam nie wieder.

Den Traum vom „Goldenen Westen“ träumten viele Bürger des Arbeiter- und Bauernstaates, und auch ich war bereits in jungen Jahren getrieben von dem Gedanken, irgendwann einmal ein ganzes Hanuta zu essen, ohne es mir, nachdem es im Westpaket die Grenze passiert hatte, sechs Tage lang einteilen zu müssen.

Ich bekomme heute noch Gänsehaut, wenn ich an den Abend jenes 9. Novembers 1989 denke. Mein Vater war wie jeden Donnerstag Tischtennis spielen und ich bereits im Bett, als mich meine Mutter aufgeregt zu sich rief. Von heute auf morgen war alles anders. Die Grenze gehörte zur Deutschen Geschichte und Duplo, Coca Cola und die Bravo warteten nur darauf, gegen Begrüßungsgeld eingetauscht zu werden. Gut, mit dem Hunderter kam man nicht sehr weit und ich selbst bekam auch nur 5 D-Mark ab, was für mich trotzdem eine Welt bedeutete… Fulda stand mir offen!

Ich habe den ganzen Tag meiner ersten Westreise kotzend auf irgendeiner Parkbank verbracht. Damals schob ich es auf meine erste Sprite, heute weiß ich: es waren einfach viel zu viele Eindrücke, die ich gar nicht alle auf die Schnelle verstoffwechseln konnte.  Vielleicht ahnte ich auch schon, dass auch auf dieser Seite der Welt nicht alles Gold war, was mich so neu und strahlend anglänzte.

Dreißig Jahre nach dieser am Ende wundervollsten Zeit des Neubeginns sind eine tiefe Ernüchterung und einige bedrückende Erkenntnisse an die Stelle gerückt, wo damals die Hoffnung zu wachsen begann, dass sich schlussendlich doch das Gute auf der Welt und im Menschen durchsetzen wird. Romantische Vorstellungen von wahrer Demokratie, Freiheit, Werten und gesunden Moralvorstellungen – doch letztlich zählt nur der schnöde Mammon? Denn Geld, also materiellen Werten, scheint alles untergeordnet zu sein.

Die agierenden Protagonisten spielen ihr Spiel, ohne Ideale und ohne ihrem Gewissen Verpflichtung zu zollen. Der Mensch hat sich verrannt. Diese Einsicht wird ignoriert. Jeder schaut, wo er bleibt und vergisst dabei doch am Ende sich selbst. Die ganze Welt steht Kopf, und nicht nur der Ossi steht neuerlich vor einer Wende.
Die Zivilisation ist keine zivilisierte mehr. Und die Lösung soll wieder eine weitere Spielart des Sozialismus sein?

Es wird Zeit, mal über etwas Besseres nachzudenken! Der Sozialismus ist mehrfach krachend gescheitert, der Kapitalismus führt zu „Nichts“! Begrifflichkeiten wie „Rechts“ und „Links“ sind bis zur Unkenntlichkeit interpretatorisch vermanscht, Zwischenstufen ordnen sich am Ende doch auf einer Seite ein. Grün wird links, liberal kapitalistisch.

Also, wäre es nicht gut jemanden zu fragen, der beide Systeme kennt, in beiden gelebt hat und der möglicher Weise das Beste aus Beidem zu etwas Neuem zusammenfügt?

Fragt: Wolfgang Steinherz, Ossi.

 

Lesen Sie dazu auch:
„Westalgie – Von der Sehnsucht nach der Bonner Republik“

 

Bitte folge und like uns:
0

Ein Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.