Die Lust am betreuten Realitätsverlust: Glauben, Wollen, Wünschen, Meinen, Fabulieren.

Nachbetrachtungen zur Demo #b0108

von unserem Gastautor @null_neun_elf

 

Glauben, Wollen, Wünschen, Meinen, Fabulieren

Die allseitige Lust am betreuten Realitätsverlust, mit jeweils der medialen Begleitmusik, die zum erwünschten Drehbuch passt

Weder waren in Berlin am 1. August „Hunderttausende“ oder gar „über eine Million“ Leute „auf der Straße“, noch kann ein  Außenstehender sagen, ob es nun, je nach Zeitpunkt und Bemessung des Bereichs, wer da überhaupt noch „teilnimmt“, 15, 17, 20 oder von mir aus 25.000 waren. Das spielt auch keine Rolle.

Mehr als diese (bundesweit zusammengetrommelt angereiste und daher recht geringe) Größenordnung war es zumindest nicht. Genauer wird man das in einer Stadt ohnehin schwerlich festmachen können. Natürlich gibt es überschlägige Zählweisen für große Ansammlungen, aus welchem Anlass auch immer. Zumindest den verifizierbaren Bildern und Videos unterschiedlicher Quellen nach ist die ungefähre Größenordnung, die bekanntgegeben wurde, aber durchaus schlüssig.

Grundsätzlich muss bei jeder Versammlung immer ein gewisser Anteil an reinen Neugierigen angenommen werden, die weder mit der vermeintlichen Thematik noch mit anderen Teilnehmern irgendetwas verbindet, aber das sei dahingestellt. Anwesende werden also als „Teilnehmer“ zugunsten der Veranstaltung einfach mal unterstellt, alles andere wäre rein spekulativ. Das sieht das Versammlungsrecht übrigens sehr ähnlich.

Es spielt auch überhaupt keine Rolle, ob irgendwo „viele Leute“ vorbeigegangen sind, woraus dann aberwitzige Schlüsse gezogen werden (wollen), sondern wie viele verschiedene Personen zur gleichen Zeit am gleichen Veranstaltungsort bzw. -zug teilnehmen. Alles andere ergäbe eine völlig irreführende Aussage, die man auch in misslicher Kriegslage durch „Im Kreis Fahren“ mit sehr wenig Ausrüstung zur Vortäuschung erheblicher Schlagkraft zu nutzen versuchte. Kurz, die Tatsache, ob vormittags irgendwo „gefühlt“ „viele Leute“ vorbeigelaufen sind, ist für die Teilnehmerzahl der jeweiligen Veranstaltung an einem bestimmten Ort herzlich wenig relevant. Mehr als einmal kann jeder davon nicht Teilnehmer sein.

In dieser aktuell höchst schrillen bis hin ins aberwitzig Schwachsinnige abgleitenden „Debatte“ werden jedoch sehr gerne – je nach gewünschter Aussage – einige Punkte vergessen:

Sämtliche, so gut wie möglich verifizierbaren, echten Aufnahmen tatsächlich aus und von dieser Versammlung, sowohl medial wie auch offensichtlich seitens begeisterter Teilnehmer veröffentlicht, zeigen – zum „Höhepunkt“ der Veranstaltung, als von der Bühne die Auflösung erklärt wurde – mitnichten eine „dichte Menschenmenge auf der ganzen Straße des 17. Juni“.

Eine solche ist ausschließlich auf einem recht eng begrenzten Areal nahe der Bühne zwischen diesen beiden Plätzen zu erkennen. Überall sonst ist eine überwiegend sehr dünn und lose mit Teilnehmern bestandener „17. Juni“ zu sehen, auf der sich in unterschiedlichster Form mit Fahrrädern, sitzend, auch mit Campingstühlen usw., niedergelassen wurde und ohne jegliche Probleme mit ausreichend Platz ein Herumlaufen möglich war.

In perspektivischen Aufnahmen ist es ein Leichtes, diese Anwesenden nach „endlos Vielen“ aussehen zu lassen, die es tatsächlich jedoch eben nicht sind. Auch nicht, wenn man mit dem Fuß aufstampft.

Es ist für die Teilnehmerzahl vollkommen unerheblich, auf welches Areal sich die Versammlung angeblich erstreckt, sondern in welcher Weise dieses Areal mit Personen bestückt ist.

Nun ist auch die Straße des 17. Juni am Veranstaltungsort keineswegs, wie man erregten „Debattenbeiträgen“ entnehmen kann, „85 m breit“, sondern inklusive der jedoch tatsächlich nahezu nicht genutzten Gehwege etwa 38 m. Auch ist die Straße des 17. Juni zwar ungefähr 3,6 km lang, jedoch befinden sich zwischen Platz des 18. März und dem Großen Stern nur etwa 1,7 km. Auch dieser Bereich war, sämtlichen Quellen nach, sich in beide Richtungen von der Bühne weg ersichtlich stark ausdünnend in keinster Weise mit einer homogenen und dichten „Menschenmenge“ gefüllt.

Allerdings waren auch nicht, wie die mit den üblichen Stempeln übereifrigen und faktensparsamen „Journalisten“ von ARD und ZDF noch am Veranstaltungstag belegfrei herunterbeteten, „tausende Rechtsradikale“ unterwegs.

Vielmehr – und das erfreut nun diejenigen wiederum nicht, die sich bei völlig unkritischer Gefolgschaft ein ach so großes „Wir“ herbeifabulieren – traf sich ein völlig unterschiedliches Potpourri skurriler, schräger, esoterischer, nachbrabbelnder, beleidigter, sicher auch einfach aus persönlicher Betroffenheit besorgter und auch mit diversen pseudoreligiösen Spinnereien teilweise völlig widersprüchlich aufgeladener Grüppchen, die sich selbst jeweils als „das große Wir“ wähnten.

Natürlich sind auch hinlänglich bekannte Grüppchen mit eindeutiger Ersatzsymbolik und der üblichen Anhängerschar zu erkennen, aber es erfordert ein mittlerweile hinreichend gewohntes Maß an „journalistischer“ Einäugigkeit, nicht zahlreiche dem gegenüber völlig gegensätzlich motivierte Gruppierungen zu sehen. Seltsam eigentlich, man könnte annehmen, die Nachricht von den „vielen Rechtsradikalen“ könne den „Journalisten“ gar nicht schlimm und gar fürchterlich genug sein, so dass das sichtbare Gegenteil „irgendwie“ übersehen wurde. Da steckt aber ganz sicher keine Agenda dahinter! 🙂

Was allerdings, völlig wertfrei, in den zahlreichen Quellen in keiner Weise zu erkennen ist, ist offene Gewaltverherrlichung sowie offene Aggression durch eine organisiert und homogen auftretende Masse, weder untereinander noch nach außen. Da sind die besonders Guten verlässlicher. Und nein, auch noch so dümmlich erscheinende Blökereien der Ablehnung dieser oder jener Umstände und Institutionen sind dieses nicht.

Ablehnungsbekundungen sind Kennzeichen jeder Versammlung mit politischem Hintergrund.

Und nein, sorry, auch das angeblich und als solches angepriesene „enthüllende“ Video einer bekannten ZDF-Journalistin bietet hierfür keinen Beleg. Hier wird für den Betrachter ziemlich offensichtlich schlicht und einfach genau das eingefangen, was erwartet und für die Produktion redaktionell geplant war. Ernsthaft konnte sich die gerne damit kokettierende Ikone der, hinreichend bekannt, als „Feindbild“ der sich Versammelnden auserkorenen Medien ja wohl kaum auf kommunikative Begeisterungsstürme eingestellt haben.

Insofern muss das „enthüllende Video“ nüchtern betrachtet eher als Dokumentation der Enttäuschung darüber, wie wenig „Rechtsradikale“ man anschließend dem Publikum vorführen konnte, verstanden werden. Der nüchterne Beobachter hätte hierin allerdings wohl eher eine positive Nachricht erkannt. Aber nun gut: das war wohl eher nicht das redaktionelle Vorhaben.

Als kleines Highlight muss wohl das vermutlich als empört vorgesehene Zitat aus der Video-Kommentierung „Sogar Kinder“ (sind da) eingeordnet werden.

Nun, Kinder benutzt die massiv ritualisiert gewaltfreudige linksradikale und linksextremistische Berufsrandaliererszene seit Jahrzehnten zur geplanten Abschirmung „agierender“ Gewalttäter, ohne dass hierüber nennenswerte Erregung der gleichen medialen Anstalten erinnerlich ist.

Ganz im Gegenteil, wie seitens der Organisatoren erwünscht, wurde das Narrativ des „bösen Vorgehens“ gegen „Frauen mit Kindern“ stets im Sinne des unterstellt erwünschten Drehbuchs nachgebetet. In den Quellen zum 1. August fehlen hingegen irgendwelche Szenarien, in welchen die sehr wenigen sichtbaren Kinder am hellichten Tag bei bestem Wetter mitten in Berlin auch nur in einer wirklichen „Menschenmenge“ wären, geschweige denn an objektiv verwerflichem Handeln teilnehmen oder dafür – wie in der linken Szene seit jeher – missbraucht werden.

Zürichsee goes Tiergarten.

Einigermaßen belustigend ist die recht simple Feststellung, dass man sich nun nachträglich – identisch übrigens zu den üblichen linksradikalen Aufmärschen – damit gegenseitig übertrifft, sich sehr aufgeregt irgendwelche Bildchen zuzuschicken, ohne in der Lage zu sein, auf diesen auch nur unterschiedliche europäische Hauptstädte, geschweige denn Jahrzehnte oder unterschiedliche abgebildete Ereignisse auseinanderhalten zu können. Und so genießt man einen Bildersturm in Erinnerung an die Berliner Tage der Love Parade und ähnlichen Veranstaltungen, z. B. auch in Zürich. Dass man das offensichtlich bedingungslos begeistert Folgenden als „Berlin am 1. August 2020“ andrehen kann, spricht Bände. Zürichsee goes Tiergarten.

Standard für die Eigenwahrnehmung und -darstellung ist allseitig im „Demo“-Business, perspektivische Aufnahmen, die irgendeine beliebige Mehrzahl von Personen zeigen, grundsätzlich als „unfassbar Viele“ darzustellen.

Und wer wüsste nicht besser, als jeweilige Veranstalter beliebiger Coleur, dass nach „mir selbst“, „meiner Gruppe“ nur noch „kann ich nicht auf die Schnelle zählen“ kommt. Das können folglich zwingend nur „Hunderttausende“, wenn nicht „Millionen“ sein. Da kann es keinen Zweifel geben!

Identische Manipulation mit einfachsten Mitteln betreiben „der Sache“ in reichlich unprofessioneller Weise tief verbundene „Journalisten“ auch und leider gerade sog. „Qualitätsmedien“ stets dann selbst, wenn es ihrer recht durchsichtigen Agenda folgend vermeintlich „gut und richtig“ erscheint.

Beispielsweise in Form der regionalen Blättchen für die jeweils heimischen „FFF“-Schulklassenmeetings, deren in aller Regel teilnehmerarm und wirkungsschwach bei geringstem Interesse der Öffentlichkeit verlaufende „Demos“ nicht genug mit hanebüchenen Superlativen überzogen werden können.

Da wird in einem beispielhaften Kernballungsraum von gut über 800.000 Einwohnern sich auf einem nicht einmal sonderlich großen Platz verlierende Handvoll Schulklassen zumindest zweifelhafter „Freiwilligkeit“ mit ihren „engagierten“ Bewachern und organisierten Stichwortgebern ohne jegliches ersichtliches Interesse sonstiger Bevölkerung dann gerne geschickt zu einer „Menschenmenge“ aufgepeppt, die tatsächlich zu keinem Zeitpunkt existiert hat. Same procedure, möchte man sagen. So eine Überraschung!

Von natürlich ebenso auffindbaren und tatsächlich technisch nachträglich manipulierten Bildern, wie gern zum nachträglichen „Aufpeppen“ genutzt, hier gar nicht zu reden. Die nur noch als offen manipulativ zu verstehende Schieflage der medialen „Berichterstattung“, vergleicht man die hier stattgefundene mit jener über Menschenansammlungen mit anderen angeblichen Anlässen, sei erwähnt, ist für die Anzahl aber nicht relevant. Hierzu kann man nur feststellen: Das Versammlungsrecht und seine sehr wohl möglichen Einschränkungen kennen keine Bevorzugung der veranstalterseitig gewählten nicht rechtswidrigen Thematik. Es sei daran erinnert, dass auch die selige Love Parade als „politische Versammlung“ im Sinne des Versammlungsrechts ihren Anfang nahm.

Fazit: Man darf sich aus historisch guten Gründen auch für und gegen totalen, vermeintlichen, tatsächlichen usw. Nonsens „versammeln“, das ist einer beachtlichen Bewertung durch „die jeweils Anderen“ nicht zugänglich.

Gerade die allerorten, selbst im Skurrilitätenbiotop Berlin, nicht minder randständige linksradikale Szene müsste das eigentlich wissen. Natürlich weiß sie es auch, nicht weniger, als ihre parteipolitischen Deckmantel-Anheizer auch.

Aber nicht jeder, der irgendwie „Grundgesetz“ oder „Grundrechte“ stammeln kann, weiß wenigstens ganz grob für den Hausgebrauch, wovon ersiees spricht. Oft eher nicht, zumindest drängt sich der Eindruck auf.

So, nun dürften alle hinreichend beleidigt sein. 🙂

Kann aber ja eigentlich gar nicht sein, denn weniges wird so passend und gerne auch unpassend überstrapaziert, wie „Meinungsfreiheit“. Das ist halt meine. Eat it, mehr Anspruch als das hat sie auch nicht, ich bin nämlich auch nur einer, genauso, wie „ihr“, wer auch immer. Natürlich habe ich eine Meinung, zu vielem. Aber keinen Anspruch, dass sie jemand teilt, egal wozu. Dennoch empfiehlt es sich, hin und wieder zu konkreten Einzelfragen zu versuchen, selbständig zu denken, statt übererregt kompletten und bei einfachstem Hinterfragen offensichtlichsten Nonsens zu vervielfältigen.

„Viele“ ist halt vom eigenen Standort aus sehr relativ. „Ihr“ seid halt nicht „mehr“. Ihr seid noch nicht einmal ein „Wir“, sondern viele Verschiedene. Und das ist exakt gegenüber ganz genauso. „Die“ sind auch nicht „mehr“. Das „Mehr“ wird „journalistisch“ kaum wahrgenommen und politisch kaum noch wahrnehmbar vertreten. Das ist der Punkt – und Kern des Problems.

Es bleibt zu hoffen, dass der eine oder andere zurück in die weit weniger spektakuläre Wirklichkeit findet und sich zu einer sehr großen und sich nicht minder in sich selbstverständlich erheblich voneinander unterscheidenden Mehrheit findet, deren Kopfschütteln unter den Brenngläsern der Onlineblasen längst nicht mehr wahrgenommen wird. Man nennt das ein völlig normales gesellschaftliches Spektrum.

 

 

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