Die Werteunion, die AfD und das Potemkinsche Dorf

Man darf von der Junge Freiheit halten, was man mag. Eines jedoch ist gewiss: sie hält in ihren Reihen die klügsten Redakteure der neurechten Szene. Ich lese die JF der Analysen wegen immer wieder mal sehr gerne.

In der Rubrik „Kaisers royaler Wochenrückblick“ schrieb Boris T. Kaiser gestern:

„Die Radikalisierung sehen er [Anm. Tertium datur: Holger Kappel] und andere vor allem im Gekuschel mit der AfD.
Was in rechtskonservativen Kreisen lange schon ein offenes Geheimnis war, nämlich daß es, während man sich nach Außen in heuchlerischer Distanzeritis übt, längst intensive Kontakte zwischen oberen Vertretern der so ängstlichen CDU/CSU-Rebellen und der AfD gibt, wurde von den Aussteigern jetzt auch an alle Gegner des rechtskonservativen Milieus hinausposaunt.
Die sicher unter dem Kopfkissen verstaut geglaubte Waffe ist also losgegangen und das Ergebnis ist nicht schön.“

Kaiser sagt, dass das, was von Christian Sitter, Holger Kappel und Angela Wanner als nunmehr untragbar empfunden wurde und zum Schritt des Austritts bewogen hat, Vielen auch und vor allem außerhalb der Werteunion längst bekannt war.

Der Personenkreis allerdings, der darüber bis heute im Unklaren ist und dem gegenüber man seitens der Werteunion-Vorstandschaft beschwichtigend beteuert, „die Aussteiger“ lügen, ihnen gehe es nur um Pöstchen in der CDU/CSU, sie hätten nur Machtspiele verloren (das Übliche halt, wenn man Framing betreibt), sind die Mitglieder der Werteunion.
Schon allein dieser Umstand sollte aufzeigen, dass keine Nabelschau in der Werteunion einsetzt, sondern Mitglieder, die in den Unionsparteien aktiv sind, dazu regelrecht missbraucht werden, der AfD einen Fuß, der mit einem Kampfstiefel bekleidet ist, in die Unionsparteien hinein zu ermöglichen. Und vice versa, was das „konspirative Tun“ der Werteunion angeht.

Februar 2020: man dementiert

Simone Baum, stellvertretende Bundesvorsitzende, gegenüber dem WDR, noch im Februar 2020:

Frage des WDR: Gab es geheime Treffen mit der AfD?

Antwort Baum: Nein! Absolut nicht!

August 2020: Man macht sich noch immer nicht ehrlich.

Und man setzt sehenden Auges die Mitglieder dieses „Konservativen Aufbruchs“ einem hohen Risiko aus. Ferner entledigt man sie/sich deren Selbstbestimmung, individuell entscheiden zu können, ob man diesen Weg für notwendig hält und mitgehen möchte.

Die AfD ist eine demokratisch gewählte Partei, die mittlerweile in allen Länderparlamenten und im Bundestag vertreten ist. Sie ist aber eines gewiss nicht: „bürgerlich“ (ein vielgequälter Begriff) oder gar konservativ.

Es ist legitim, wenn sich die Werteunion nicht nur zu Gesprächen, sondern zur Kooperation mit der AfD entschieden hat. Das einzige Problem darin ist: man macht sich noch immer nicht ehrlich. Das wäre man den Mitgliedern allerdings schuldig.

Es liegt nun Vieles auf dem Tisch – auch dem der Öffentlichkeit. Es wäre an der Zeit, zum vor Monaten schon eingeschlagenen Kurs gerade vor den Mitgliedern zu stehen. Meiner Wahrnehmung nach wollen viele Werteunionler noch immer nicht wahrhaben, was autokratisch von den Werteunion-Machern entschieden wurde. Verständlich, hat man doch viel Arbeit und Herzblut investiert und stand mit seinem Namen und der Identifikation mit der Werteunion in der Öffentlichkeit, in den sozialen Medien und auch in der eigenen Partei.

Wenn nun Kaiser von „Distanzeritis“ schreibt, so ist das ein Begriff, der sicherlich auf  Mitglieder der Unionsparteien wenig Anwendung finden sollte: denn ihre politische Heimat sind CDU und CSU. Vielmehr ist es so, dass unter den WU-Akteuren Distanzeritis von der eigenen Partei gelebt und auch von den Mitgliedern erwartet wird.

Politisch kann der konkret wirken, der Funktionär oder gar Mandatsträger in der eigenen Partei ist. Auch dies: mittlerweile in der Werteunion verpönt. Da stellt man sich dann doch schon Fragen, ob überhaupt klar ist, wie politische Arbeit und politisches Wirken geht – nicht nur in den Social Media.

Es wird nun versucht, die „Marke Werteunion“ wieder vom Schmutz zu befreien, den angeblich diejenigen auf das Label warfen, die nichts anderes taten als die Mitgliederschaft mit der Wahrheit zu konfrontieren.

Es ist nur ein Mal gelungen, eine Marke bzw. ein Produkt in den Erfolg zu führen, welche/s derart gekippt ist wie die Werteunion: das war die A-Klasse von Mercedes nach dem „Elchtest“. Die A-Klasse ist seit dieser Katharsis bis heute ein Erfolgsmodell. Der Werteunion bleibt nurmehr, das Label zu wechseln und künftig als Trabbi fortzufahren/fort zu fahren. Als Barke für die AfD, die in die Unterwelt der Union geleiten sollte, hat sie ausgedient. Sicherlich sieht das die AfD ebenso. Game over.

Der Werteunion ist gelungen, worauf sie ihre Markenidentität stützt, massiv zu beschädigen: den Konservativismus und das sogenannte „bürgerliche Lager“.

In diesem Spiel reiben sich mittlerweile alle Seiten die Hände und lassen Champagnerkorken knallen: die Linken, „die das schon immer gesagt haben über die WU“, die parteiinternen Gegner, die konservative Vereinigungen wie die WU (und auch den Berliner Kreis) für überflüssig hielten, die Medien, die über die Existenzzeit der Werteunion hinweg in einzelnen Versatzstücken das, was nun vorliegt, ohnehin schon aufzeigen wollten. Und nicht zuletzt die AfD, der sich die Werteunion selbst zutrieb und der die WU ein Dorn im Auge, da Konkurrenzunternehmen war. Die WU gehört nun zur AfD. Das ist Fakt. Gratulation an die AfD.

Gerade diejenigen, die einen Teil dazu beigetragen haben, die WU nun in der Öffentlichkeit so dastehen zu lassen und die die Dynamik beschleunigten, äußern sich so:

„Der nun offen ausgebrochene Konflikt in der WU muss nicht das Ende sein, sondern vielmehr der richtige Zeitpunkt für eine Neuaufstellung. Herr Sitter, dem man nachsagt mit seinen Getreuen einen neuen konservativen Arbeitskreis in der CDU gründen zu wollen, könnte so dem Beipiel des AfD-Politikers André Poggenburg folgen, der seine Partei verließ und etwas Eigenes gründete, ohne dass es ernsthaft jemanden gejuckt hat.“

(Klaus Kelle auf seinem Blog „The Germanz“)

Lieber Klaus Kelle, Sie entschuldigen schon, wenn ich Sie der akuten politischen Dummheit bezichtige? Poggenburg ging, weil ihm der Laden nicht radikal genug war und weil es der AfD letztlich reichte, was er so absonderte. Selbst sein Ziehvater Höcke konnte das nicht mehr mittragen. Vielmehr möchte ich behaupten, der Poggenburg-Vergleich trifft auf Sie selbst zu, der ja maßgeblich zum Cocktail „Werteunion-AfD“, geschüttelt, nicht gerührt, in Erfurt und an anderer Stelle beiträgt.

Und: Mit Metaphern muss man vorsichtig sein. Ihre Metapher, lieber Klaus Kelle, sagt, dass Sie die WerteUnion nolens volens an die Stelle der AfD im Verhältnis zur Union rücken. Chapeau! Damit bestätigen Sie diejenigen, die die Werteunion für eine „AfD light“ halten.

Ihr mit heißer Nadel und im Furor gestrickter Artikel ist dann am Ende allerdings doch ehrlich:

„Hinter vorgehaltener Hand wird diskutiert, dass der frühere Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen an die Spitze rücken müsste. Und Thüringen wird gemunkelt, dass Vera Lengsfeld in den Landesvorstand dort einziehen soll. Mit dem aktuellen politischen Gewitter beginnt der Klärungsprozess um die Zukunft der WerteUnion erst.

Sie nennen das Klärungsprozess, ich nannte es oben „sich ehrlich machen“. Nur: es ist an der Zeit, dass die WU-Mitglieder sich dieses Weges im Klaren sind.

Mit Maaßen an der Spitze der WU wird das Wirken in die eigenen Parteien hinein endgültig vaporisiert, mit Lengsfeld im Thüringer Landesvorstand die AfD-Kooperation besiegelt und damit ist dann alles klar und geklärt. Gut gesagt, Herr Kelle. Die vorgehaltene Hand, die Sie beschreiben, scheint Ihre eigene zu sein.

Wenn man überdies (über Sie, über Lengsfeld und Andere) damit alles in die Werteunion integriert, dürfte klar sein, … wenn auch nicht klar abgrenzbar, da diese Netzwerke weitverzweigte Arme haben.

Hier Michael Mross: Vera Lengsfeld und Attila Hildmann bei der Demo

Quelle: www.Bitchute.com

Wie wenig man also die Chance nutzen will, die die hohe mediale Aufmerksamkeit der Werteunion beschert hat, ohne dass sie mit dieser Aufmerksamkeit dann etwas anzufangen wusste, sondern erneut Aufmerksamkeit durch weitere Pöbeleien generierte, zeigt der eingeschlagene Weg an und für sich auf: man will nichts mehr in der Union bewegen. Man will nichts mehr mit ihr zu tun haben.

Kelle, Lengsfeld und Co, die neuen Gestalter der Werteunion, halten den Weg ganz offensichtlich für notwendig. Darüber kann man nicht nur streiten. Darüber sollte man sogar als Mitglied mit der WU-Führung streiten. Obschon es für einen konstruktiven Streit und die Umkehr längst zu spät ist.

Ich persönlich halte diesen Einschlag für irreversibel. Die Werteunion wird nie mehr jemand Respektables innerhalb der Union werden können. Diejenigen, die jetzt mit ihrem konsequenten Austritt die Fakten auf den Tisch legen, werden der „Schlammschlacht“ bezichtigt. Dümmer geht‘s (n)immer …

U-Boote

Abschließend: es wird von jenen, die diesen Weg bewusst schon vor langem bereitet haben, gegenüber den Mitgliedern gesagt, dass Sitter, Wanner, Kappel und all jene, die in den letzten Tagen ausgetreten sind (es sind zum Glück nicht wenige, die diesen Eyeopener entsetzt wahrgenommen haben und ihre Mitgliedschaft aufkündigten!) U-Boote seien.

Auch das bezeichnend: Menschen, die viele Jahre in der eigenen Partei wirken und dort weiterwirken wollen, werden als Eindringlinge in eine Werteunion bezeichnet, die eigentlich „der konservative Wesenskern der Union“ sein möchte.

Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Paradox. Keine U-Boote sind also diejenigen, die längst mit der AfD kooperieren.

Nachdenken.

Wenn sich etwas wie ein U-Boot in die Werteunion bohrt und jetzt in voller Größe über die Wasseroberfläche tritt, dann ist es „die Wahrheit“.

Das Potemkinsche Dorf ist eingestürzt. Das, was hinter den Kulissen war, wird sichtbar. Die Führung der Werteunion schweigt nach wie vor gegenüber den Mitgliedern, die gerne gewusst hätten, was denn nun gespielt wurde und wird.

Mitsch, Kellmann, Baum, Kelle und Co werden weiter schweigen und berauben so integre Mitglieder der Chance, eigene Entscheidungen innerhalb ihrer Beziehung mit dem einst so ambitionierten Projekt zu treffen.

Die sogenannte Frankfurter Erklärung ist der politische Ablassbrief der Werteunion.

Aus dem Infobrief der Werteunion-Führung:

„Der Bundesvorstand bedauert, dass sich Herr Sitter und Frau Wanner zu emotionalen Äußerungen gegen die WerteUnion haben hinreißen lassen, die medial gern aufgenommen wurden.“

„Von verschiedenen Seiten wird versucht, Druck auf Mitglieder der WerteUnion auszuüben.“ Stimmt. Siehe auch mein Artikel: Offener Brief und Kündigung.

Allerdings kommt der Druck aus der Werteunion auf die Werteunionsmitglieder. Ich habe noch niemanden gehört, der über Druck aus der CDU oder der CSU berichtete.

„Wir grenzen uns klar von der AfD ab“ siehe auch: Kaisers royaler Rückblick.

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2 Kommentare

  • KD

    Alles richtig, nur: Die Junge Freiheit als Teil der „Neuen Rechten“ anzusehen, bedeutet das Framing der radikalen Linken zu übernehmen. Dieter Stein hat sich mehrfach von diesem Begriff distanziert. Kubitschek beansprucht ihn für sich und Schnellroda. Zwischen beiden Projekt ist seit Jahren eine große Distanz. Der Begriff ist darüber inhaltsleer. Er dient nur dazu eine missliebige politische Strömung, die man nicht „extremistisch“ nennen kann/darf verbal abzuqualifizieren.

    Die Junge Freiheit ist eine konservative Zeitung – eine der wenigen, die diesen Begriff noch verdienen.

    • Ja, darin können wir zustimmen, dass die Junge Freiheit „tradiert“ konservativ ist. Aber im Laufe der Zeit ist sie eben von den Positionen und Inhalten her den „Neuen Rechten“ zuzuordnen, auch wenn sie eher zu den „Alten Rechten“ gehört.

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