Lieber Richard Feuerbach (Brief II) – Antwort #Brueckenbauen #OffenerBriefwechsel

von: Ao [Tertium datur]

Chronologie:

Brief von Ao an Richard vom 28. April: hier klicken

Antwort von Richard an Ao vom 28. April: hier klicken

Bernbeuren, 04. Mai 2019

Lieber Richard Feuerbach,

ich habe nun ein paar Tage nach Deiner Antwort auf meinen Brief vergehen lassen, den ich auf diesen Tweet von Dir hin geschrieben hatte:

Schön, dass „Der Waldgang“ zwischenzeitlich bei Dir eingetroffen ist, und ich hoffe, Du hast Zeit gefunden für die erste Lektüre in aller Ruhe.

Du schriebst mir:

Diese offenen Gespräche sind ein weiterer Grund Danke zu sagen. Denn das ist leider nicht mehr selbstverständlich in unserer Zeit, in unserer Gesellschaft. Und wenn zwei Menschen wie wir, mit unserem doch recht ausgeprägten Sendungsbewußtstein, aufeinander prallen, dann grenzt es eigentlich schon fast ein Wunder, dass wir uns nicht gegenseitig die Haare ausgerissen haben. Wie es sich anfühlt verleumdet, denunziert und diffamiert zu werden, dass kennen wir aber beide und mit uns sicher auch viele andere schreibende, bloggende und politisch nicht immer korrekte Mitstreiter. Es geht um Lösungen für brennende Probleme. Ich sage ja gerne, dass wir auf einem gesellschaftlichen Pulverfass leben. Es gilt zu verhindern, dass die Lunte angezündet wird und Wege zu finden, wie man die Situation entschärfen kann. Es

geht um Konstruktion, nicht um Dekonstruktion.

Nach Deinem Aufruf an Deine Follower fiel mir insbesondere auf, dass Deinem Tweet sehr viele Leute zustimmten, aber ich fürchte, die Zustimmung bezog sich auf den letzten Satz darin: „Debatten ohne Verleumdung, Denunzierung, Diffamierung, Hass und Hetze. Aber das erscheint mit Linke, Grünen und Sozialdemokraten immer unmöglicher…“

Genau darum dreht sich doch unser Briefwechsel, nämlich, dass es nicht unmöglich ist, wenn man es einfach tut. Den Streit halte ich für immens wichtig.

Postulate kann man sich gegenseitig ins Poesie-Album kleben und irgendwann mal erkennen, dass es von Hand zu Hand, von Mund zu Mund weitergereichte Worthülsen sind.

Tritt man nur einen Schritt zurück oder geht in die Vogelperspektive, so erkennt man, dass man gerade in den Social Media zu einem Kampagnenwerkzeug irgendeiner Partei oder einer parteinahen Bewegung geworden ist. Freilich wiederholen sich Argumente, teilweise sogar wortgetreu. Aber gerade weil die jeweiligen Meinungen so konträr voneinander liegen, neigt fast jeder dazu, durch ständiges Wiederholen diese Murmeln wie auf einer Murmelbahn präzise ins Feld kullern zu lassen.

Ohne an dieser Stelle sentimental werden zu wollen, erzähle ich kurz von der Schau aus der Vogelperspektive, die mir vor einigen Jahren gezeigt wurde. In der Pause eines beruflichen Kongresses saß ich mit einem der Referenten am See. Ein Eskimo-Schamane, der – witzigerweise – in Florida lebte. Er erklärte mir:

„Ihr seid wie die Enten. Ihr schnattert und schnattert und flattert wie wild mit Euren Flügeln. Ihr erhebt Euch kaum vom Boden und findet nur mit viel Glück irgendwelche glitschige Schnecken im Gras zum Fressen. Und das nur, weil diese Viecher zu langsam sind und üblicherweise dort im feuchten Gras kriechen.
Wir aber sind wie die Seeadler oder, in der Entsprechung der südlichen Hemisphäre, wie die Kormorane: wir stoßen uns einmal sehr kraftvoll mit unseren weiten Schwingen ab. Dann nutzen wir die Aufwinde und gleiten und gleiten. Lautlos, ohne dabei allzu viel Kraft zu nutzen, ganz hoch droben.
Wir betrachten. Wir nehmen wahr. Erst wenn unser Auge eine sichere Beute erspäht hat, stoßen wir herab, indem wir die Flügel anlegen. Wie ein Pfeil zischen wir auf unsere Beute zu, und sie nimmt uns kaum wahr, da haben wir sie bereits gepackt.“

Dieses Bild, das unterschiedliches Denken, Wahrnehmen und letztlich Agieren/Handeln/Reden beschreibt, hat mir in den Jahren viel gegeben. Mal bin auch ich Ente, aber immer öfter wurde ich wie ein Seeadler. Zumindest beobachte ich viel und ich beobachte mit Genuss. Ich nehme wahr. Soweit habe ich es bereits geschafft. Im Spektrum dessen, was in meinem Blickfeld ist, entgeht mir kaum etwas. Im weiteren versuche ich, mehr Fragen offen zu haben als Antworten zu finden. Das hält mich weiterhin im Wahrnehmen. Der Rest, also das Agieren/Handeln und Reden = Wiedergeben ist mein stetiges Übungsfeld, in dem ich versuche, das Vorstehende zu verbessern.

Gerade sitze ich an der Überarbeitung eines Buches, das ich vor sage und schreibe 10 Jahren begonnen haben. Jetzt ist es dran und es wird in diesem Sommer noch erscheinen. Ich stieß auf einem Satz, den ich damals geschrieben hatte: das Wichtigste sei es, jede delikate Nuance wahrzunehmen und in ebenso delikate Gedanken zu fassen. Vielleicht war das Buch jetzt erst dran, weil ich erst nach all den Jahren diesen Anspruch realisieren kann. Zumindest ansatzweise.

Was also hat das mit unserem Briefwechsel und Deinem Wunsch des Brückenbaus zu tun?

Ich fasse mich heute kurz mit dem, was ich Dir mit-teilen möchte: wir sollten uns mehr Zeit nehmen, das wirklich Eigene zu behandeln und wiederzugeben. Die eigenen Gedanken zu formen und dann zu vollenden. Uns einander mit eigenen Gedanken und daraus Worten zu nähern.

Betrachten wir Twitter und die Social Media, so stellen wir dann letztlich doch fest, dass es immer wieder um das gegenseitige Bekräftigen dessen geht, was man postuliert, oder das wechselseitige Bombardement mit ideologischen Floskeln, die die eigene Überzeugung transportieren sollen.

Es ist jedoch, wie Du richtig sagst, Zeit dafür, sich gegenseitig zu überzeugen. All das, was anliegt, auszuhandeln. Ja, durchaus darum zu kämpfen. Aber wenn wir um ein „Wir“ kämpfen, das alle einbezieht, sind wir schon auf dem ersten Schritt des Weges.

Unsere Gesellschaft ist tief gespalten. Und wenn meine Prognosen zu den diesjährigen Landtagswahlen im Osten und dem darauffolgenden Prozess stimmen, so gehen wir einer Zeit entgegen, die den Graben noch tiefer aufbrechen lässt und die möglicherweise eine alte Mauer auftun könnte. Es wird meiner Prognose nach eine gedachte politische Demarkationslinie zwischen Ost und West geben.

Das Schöne am Zeitalter des Internets ist es, dass wir unsere gewohnten sozialen Kreise verlassen und uns überall mit einem Klick Entfernung begegnen können.

Ich bin für einen „delikaten“ Streit. Nur wo Reibung ist, entsteht Energie. Und nur wo Energie frei wird, kann etwas entstehen. Dabei belasse ich es für heute.

Streitbare Grüße einstweilen aus Oberbayern

 

 

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