Lieber Richard Feuerbach, …

von: Ao [Tertium datur]

Bernbeuren, 28. April 2019

Lieber Richard Feuerbach,

gerade las ich Deinen Tweet, der da lautet:

Wir haben uns ja schon häufig intensiv darüber unterhalten, dass wir beide nach den politischen Debatten der letzten Jahre und nach all den notwendigen kraftvollen Positionierungen den Wunsch verspüren, die Diskurse und politischen Streitigkeiten würden wieder offener und, wie Du schreibst, ohne Verleumdung, unnötige Denunzierung und Diffamierung geführt.

Uns ist Beiden an Lösungen für Themen gelegen, die wir als brennend empfinden, sehen auch übereinstimmend, dass manche Problemstellung überhaupt negiert werden soll. Aus unseren Gesprächen weiß ich, dass Du genauso wie ich Phasen durchlaufen hast und noch durchläufst, die zwischen einer radikalen Abwendung von allem Politischen – bedingt durch ein hohes Maß an Frustration und bisweilen auch, daraus resultierend, Wut – und einem engagieren Einbringen, z.B. durch das Schreiben in unseren Blogs oder in den Social Media, alle denkbaren Zustände und Schattierungen beinhalten.

Ich kann es Dir nicht sagen, wie oft ich gegenüber meinen ebenso politisch denkenden Freunden gesagt habe, der einzige für mich letztlich gangbare Weg sei dann doch „Der Waldgang“. Für alle, die ihn nicht wie ich ein Dutzend Male gelesen haben, hier eine kurze Zusammenfassung aus dem Wikipedia-Artikel:

Der Waldgang ist ein 1951 erschienener Essay von Ernst Jünger. Darin geht es um die Frage: Wie verhält sich der Mensch angesichts und innerhalb der Katastrophe?
Als „Waldgänger“ beschreibt Jünger einen Menschen, der sich gedanklich unabhängig hält von der umgebenden Gesellschaft und zum Widerstand fähig ist, falls der jeweilige Staat ein verbrecherischer ist oder wird.

Die Essenz aus diesem einleitenden Text ist für mich die Passage „gedanklich unabhängig“.

Golo Mann schrieb zum „Waldgang“: „Es ist ein schönes Buch voll tiefer, wahrer Einblicke und sehr schöner Formulierungen […] Dabei zeigen gewisse Seiten des Waldganges, dass der Autor politisch recht wohl und zutiefst Bescheid weiß. Mein Einwand ist dieser: Es gibt einen E. J., der helfen will. Es gibt einen anderen, älteren E. J., der schauen will, der ästhetisiert: Und von diesem, dem Autor des Arbeiters, ist noch etwas im Waldgang: […] Und es scheint mir, dass ihr neueres Werk ohne diese Kategorien auskäme.“

Ich denke, wenn Du, lieber Richard, von Brückenbau schreibst, dann meinst Du Ähnliches: schauen, helfen, analysieren, gegenüberstellen, debattieren, gemeinsam zum Gemeinsamen zu verhelfen. Und wenn Du davon schreibst, dass Du es leid bist, mit welchen Vorzeichen dieser Stellungskrieg (ich bezeichne das jetzt einmal so, denn eine Debatte findet längst nicht mehr statt) ein solcher bleibt. Stellungskriege fordern die höchsten Opfer und kein Land wird dabei gewonnen. Auch Dir, so lese ich heraus, ist nach „Ästhetisieren“.

Ich zitiere weiter aus dem Wikipedia-Artikel:

„Auch als Ausdruck von Jüngers Distanzierung von der Politik überhaupt wurde das Buch verstanden: „Wie sich in den Marmorklippen angedeutet hat, besteht eine entscheidende Lehre, die Jünger aus dem Nationalsozialismus meint ziehen zu können, dass allem konventionell verstandenen und praktizierten Politischen der Rücken zu kehren sei. […] Sein Gegenmodell zu einer politischen Landschaft, in der „alle Positionen gleich nichtig“ und Wahlen entsprechend zur bloßen Farce geworden geraten seien, nimmt die Form eines Appells zur Elitenbildung an.“ (Aus: F. Grosser, Revolution denken. Heidegger und das Politische 1919 bis 1969.)

Für mich ist hier die letzte Passage die, die ich diesmal herausgreife: der Appell zur Elitenbildung.

Frei also nach meinem eigenen geflügelten Wort „Wir erleben keine Staatsmänner mehr, sondern nur noch Politiker.“, kann nach meinem Verständnis also kein Politiker und kein Abgeordneter mit diesem Appell gemeint sein. Sie sind es jedoch, die sich als Elite verstehen, jedoch nicht in der Lage und willens sind, Deinem und meinem Anspruch, endlich einen konstruktiven Streit in der Sache einzugehen, gerecht zu werden.

Wir Beide sind also Menschen, die als sogenannte „Bürgerjournalisten“, also als Blogger, unseren Gedanken Luft verschaffen und hoffen, dass der eine oder andere delikate Gedanken dabei ist, den der Eine oder Andere aufgreift, weiterträgt, vollendet oder mit in den echten politischen Streit einbringt.

Ich frage mich dabei auch, wo unsere geistigen Eliten sind, die unserer Streitkultur gerecht werden können, aufeinanderzugehen und all ihre Mosaikteile auf den Tisch legen, um gemeinsam wieder ein zusammenhängendes Bild zu gestalten.

Wenn Du also schreibst, „es erscheint mit Linken, Grünen und Sozialdemokraten immer unmöglicher“, so widerspreche ich Dir und sage: genau diese Unterstellung und Zuweisung unterbindet den von Dir gewollten Brückenbau. Es ist mit allen unmöglich geworden. Und das ist auch so gewollt. Die Frage ist: machst Du Dich, mache ich mich zu einem Teil dieser Diskursverweigerung?

Für mich habe ich längst entschieden: nein.

Also: was schlägst Du vor, lieber Richard?

Einstweilen grüße ich Dich herzlich

 

 

 

 

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