Motherland or another Land? Kleine Inventur von Vater- und Mutterland

von: Hermann Busse [Tertium Datur]

Vielleicht muß man, wenn man sich der Frage nach Heimat, Mutter- und Vaterland stellt – in diesem Fall Deutschland -, erst hören, was Nicht-Deutsche über Deutschland sagen. Beispielsweise durch die Übernahme von deutschen Wörtern, die im eigenen Wortschatz keine Entsprechung haben. Das Englische hat verschiedene deutsche Wörter entlehnt, beispielsweise Ahnentafel und echt, Urheimat und Sprachraum, Kindergarten und Aufwuchs, Oktoberfest und Gemütlichkeit. Die Wörter sind Beschreibungen, die wichtig für Identität sind. Sie verweisen auf Tradition und historische Entwicklung.

Historische Ab- und Herkunft spielt in den meisten westeuropäischen Ländern in der Frage der Staatsbürgerschaft keine Rolle. Das dortige »ius soli«, das »Recht des Bodens« verleiht die Staatsbürgerschaft. Franzose« oder Engländer ist, wer auf französischem oder englischem Staatsboden geboren wird. Ein wenig schwingt hier das ebenso räumlich ein- und ausschließende »Stadtluft macht frei« des Mittelalters mit. In Deutschland und Osteuropa gilt dagegen das »ius sanguinis«: Kinder sind Deutsche, wenn ihre Eltern Deutsche sind. Nicht die Gegenwart – der Geburtsort -, sondern die Geschichte ist entscheidend. Damit spielen nicht nur Mutter und Vater eine große Rolle, sondern auch deren Eltern – die »Ahnentafel«, der »Sprachraum«.

Ob Heim-at oder »homeland« ist dabei egal: Haus und Hausbau spenden nicht überraschend einen großen Teil des Wortschatzes, mit dem wir unsere nähere Umwelt einzugrenzen versuchen. Die Umwelt wird nach den Gesetzen des Hauses gegliedert und in Ordnung gebracht und erhält dadurch einen vertrauten und schützenden Charakter. Im Gegensatz zum wilden Wald, also den Gebieten, die nicht mehr den Gesetzen des Hauses gehorchen.

»Gesetz des Hauses« heißt auf griechisch »ökonomi(k)a«. Sie beschäftigt sich mit der wiederholenden Herstellung (häuslicher) Ordnung. Zum Beispiel mit Nahrung, die den Menschen restituiert. Der Herd, Stätte des Feuers, ist dabei immer auch Kultstätte, an dem der Kontakt zu den Göttern erfolgt, die das Weiterleben garantieren. Im antiken Griechenland ist die oikonomia das Reich der Frau, die schon für sich das Symbol der Weitergabe des Lebens ist. Während (einige freie) Männer um die Polis, also um die Politik und die Verteidigung des Gemeinwesens kümmern. Symbolisch überspitzt könnte man sagen: die Frau stand für die Zeit, der Mann für den Raum.

Beides spiegelt sich in den Überbegriffen von »Heimat«, also dem Vater- oder Mutterland. So ist Mutterland vielleicht der Ort von nie nachlassender Liebe, Weitergabe des Lebens, Vertrautheit. Wer dagegen Vaterland sagt, meint unter Umständen eher Ge-setze und Ver-stehen, denkt an Männer, die die Gemeinschaft gegen die Außenwelt sicherstellen.

Daraus nährt sich auch der territoriale Flächenstaat der Moderne. Hier waltet das Paradigma räumlicher Gleichheit nach innen, das sich u.a. in der Staatsbürgerschaft oder dem spezifischen Volk zeigt. Gleichheit ist dabei die eine Seite der Unterscheidung, deren Widerpart – die Ungleichheit – in der Außenwelt des Staates liegt.

Gleichheit vermag dabei zentripetal oder zentrifugal zu wirken. Bei der völkerrechtlichen Sezession beispielsweise wirkt sie eher zentripetal als sich konzentriert sammelnde Bewegung, die sich aus der differenten Gleichheit als etwas Besonderes mit eigenem Charakter ausschließt und begründet. Während hingegen sämtliche Formen des Imperialismus daran zu erkennen sind, dass sie zentrifugal als erzwungener Gleichheitsexport in das »Ungleiche« wirken.

Dabei gilt, dass die Forcierung von Gleichheit die Ungleichheit mitforciert – vice versa. »Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch«, heißt es in Hölderlins Patmos ähnlich paradox. Jede Eindeutigkeit gebiert Alternativen, die umso heftiger aneinander geraten, umso alternativloser sie gegeneinander antreten. Die einzige Antwort darauf kann nur in – demütiger – Selbstbegrenzung des Einzelnen und des Ganzen liegen. Man kann die Welt nur als Einheit lieben, wenn man außer ihr ist… und vielleicht auch außer sich, also aus allen konkreten Umweltanforderungen enthoben, wie es zumindest der theoretische Beobachter zum Ziel hat. Analog interpretiert jedes Individuum das Ganze, in das es geboren wird, anders.

Gegenseitige Durchdringung und Abhängigkeit zeichnen auch prohibitive und inhibitorische Kräfte aus: Die Fortschrittlichen aller politischen Richtungen sagen »Gesellschaft ist, was sie (noch) nicht ist«. Das Paradies der gerechten Gesellschaft, die wiederherzustellende Gemeinschaft wie auch der Gewinn einer lohnender Investition finden sich in der Zukunft, die die Gegenwart zur Änderung verpflichtet. Konservative meinen dagegen: »Die Gesellschaft ist, was sie ist«. Eine gewisse historische Kontinuität gilt es zu bedenken, inkrementelle Verbesserungen gerne, aber ohne Negierung der Gesamtstruktur.

Sicher kann man auch ohne Geschichte und Tradition auskommen. Schon der die Rente betreffende »Generationenvertrag« markiert so etwas, nimmt also einen fiktiven Vertrag zwischen den Generationen an, wo sich eigentlich eine von selbst verständliche familiäre und kollektive Solidarität finden sollte. Das gilt natürlich auch für die philosophischen Vertragstheoretiker der frühen Neuzeit, die das menschliche Zusammenleben in einem Staat auf einen fiktiven Vertrag der Menschen untereinander gründen. Einem Vertrag, aus dem aber zwangsläufig weder Selbstbeschreibung und gefühlte Bindung – erst Recht nicht über am Vertrag nicht beteiligte Generationen hinaus – erwachsen muss. Denn der Vertrag unter hypothetisch Gleichen schließt naturgemäß die »Ungleichen« aus, zu denen auch diejenigen gehören, die keine Vertragspartner sind. Dennoch ist der Vertragsgedanke ein wirkmächtiges Konstrukt.

An der bekannten und sehr unterhaltsamen Fernsehsendung »Bares für Rares« kann man unter anderem verfolgen, dass Geschichte gegenwärtig noch einen »Wert« hat, den man – durch vertragliche Trennung von ihr – versilbern kann. Der Markt scheint also die Stelle zu sein, die – auch historische – Eigenschaften bewertet und damit vergleichbar macht. Im Unterschied zur Liebe beispielsweise, die »ihr Objekt« dem Vergleich entzieht und sich unendliche Kontinuität wünscht. Liebe hierarchisiert und macht das Objekt/Subjekt unverkäuflich. Wer nicht liebt, der behandelt »das Objekt« dann eher neutral als Ware, das Subjekt als »Human Ressources«. Oder gar als zu zerstörenden Feind, wenn aus Liebe und »Neutralität« Hass geworden sein sollte.

Selbstverständlich ist auch die Liebe unstet, von Höhen und Tiefen begleitet, ja manchmal geht sie ganz, wenn man sich nicht selbst aktiv darum bemüht. Es fragt sich auch, ob in einer »Wegwerf-« oder »Konsum-Gesellschaft« überhaupt noch Platz für Liebe ist, die ebenso als Voraussetzung für die womöglich »unnütze«, sich verschenkende und unbedingte Gabe gilt. Oder ob Liebe, Gabe und Geduld vielleicht durch das schnell zu stillende Bedürfnis und die anschließende Suche nach einem neuen Stimulus ergänzt oder gar teilweise abgelöst werden.

Dann wären Mutter- und Vaterland als nicht der Wahl und dem Konsum offenstehende kollektive Bindungsfaktoren überholt. Und wandeln sich in Ausstellungen, die man gegen Obulus konsumiert. Oder zu einem verkaufsfördernden Hintergrundrauschen. Oder zu einer Landkarte, die man durchquert. Oder zu einem Sündenfall, aus dem zu lernen wäre.

Kollektive Bewusstseins-Änderungen lassen sich nur durch Repression unterdrücken. Das könnten die individuelle Freiheit schätzendenWert-Konservativen auch niemals wollen. Also müssen wir uns fragen, ob und wo – außerhalb des Museums – unser Platz, eine Heimat, sein könnte.

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