Multi-Kulti von Oben – oder: Wie man eine Debatte im Keim erstickt.

von: Dr. Heiko Kallweit [Tertium datur]

Multi-Kulti von Oben – Oder wie man jede Debatte im Keim erstickt.

Ein sogenannter Shitstorm wehte vor kurzem durch Deutschland. Nein, kein Sturm, der als Teil der Klimadebatte zählen könnte. Sondern einer in den Social Media.

Boris Palmer, grünes Enfant terrible, hatte ihn ausgelöst mit der einfachen Frage: „Welche Gesellschaft soll das abbilden?“

Bezug nahm Palmer auf eine Werbekampagne der Bahn, in der Fernsehkoch Nelson Müller, ein Anzugträger mit dunklerem Teint, die türkischstämmige Nazan Eckes, eine Mutter nebst Kind mit Afrolook, und Nico Rosberg, finnisch-deutscher Rennfahrer, zu sehen waren. Also erkennbar vier Menschen, deren genetische Wurzeln außerhalb Europas liegen und einer, der von Oslo bis Mailand kaum als Migrant betrachtet würde.

Palmer war sich vorab der Konsequenzen seiner öffentlichen Frage, auf seinem Facebook-Account gestellt, bewusst. Der Shitstorm kam nicht unerwartet. Die Netzgemeinde twitterte und postete erregt zurück, ebenso die Presseabteilung der Bahn. Palmer, so unterstellte die Bahn, habe offenbar Probleme mit einer „offenen Gesellschaft“. Weiter giftete die Presseabteilung, man „lehne dies ab“.

Hoppla. Offenbar führt eine Frage, weshalb die Bahn den durchschnittlichen Bahnkunden in Deutschland zu 80% als eine Person mit Migrationshintergrund sieht, bereits zu Empfindsamkeitsbeben der Stärke 9 in den Kreisen der selbsternannten Anwälte für das bessere, weil multi-ethnische Deutschland.

Palmer ist der sozialen Lynchjustiz noch entkommen, sieht sich jedoch zum wiederholten Mal auch parteiinterner Ächtung ausgesetzt. Im Netz wird er beispielsweise mit Sarrazin verglichen, als „populistischer, rechtslastiger Quoten-Depp“ der Grünen bezeichnet.

Hat Palmer sich denn gegen eine multi-ethnische Gesellschaft ausgesprochen? Erkennbar nein. In keiner Weise wurde von ihm irgendein Werturteil auch nur angedeutet, lediglich, vermutlich in provokatorischer Absicht, nachgefragt.

Die Bahn hat offenbar nur darauf gewartet, sich endlich auch einmal vehement positiv in den Mainstream einer derzeit gepuschten öffentlichen Meinung einzuklinken. Höchstwahrscheinlich darauf hoffend, von eigenen erheblichen Problemen in der Erfüllung des an sich simplen Auftrags, Menschen pünktlich und zuverlässig von A nach B zu transportieren, abzulenken.

Anstatt sich tatsächlich ihrer Natur als Transportunternehmen zu erinnern, generieren sich die Öffentlichkeitsarbeiter der Bahn im Internet polternd als Wälle brechende Sturmtruppe für die Vision eines zu errichtenden Melting Pots Deutschland.

Die in ihrer Amplitude und in ihrem Stil deutlich überzogenen Reaktionen, nicht nur der Bahn, sondern vieler hysterischer Unterstützer im Netz, zeigt mal wieder den Effekt des völligen Fehlens einer echten Debatte über Sinn und Charakter einer Zuwanderung nach Deutschland.

Ein von der derzeitigen Bundesregierung offensichtlich bewusst herbeigeführter Zustand, der letztlich bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit, bisweilen getriggert durch Nichtigkeiten wie dieser Nachfrage Palmers an die Bahn, verbale Bürgerkriege im Netz auslöst.

Das eine Frage, auch wenn sie wahrscheinlich in provokanter Absicht gestellt wurde, derart aggressive Stimmung erzeugt, ist beklagenswert. Offenbar fehlt es allseitig an Entspanntheit und Selbstbewusstsein.

Stattdessen gibt es rundum verbale Entgleisungen übelster Sorte. Besonders auffällig ist die Häufigkeit der „Nazis“, deren virtuell verpasste Mitgliedschaft bereits die historischen Mitgliederzahlen zu übertrumpfen scheint.

Man kommt zu dem gleichen Schluss, den bereits Viele zuvor schon getroffen haben: Eine Debatte über Einwanderung, Integration, die damit einhergehenden kulturellen und gesellschaftlichen Veränderungen, scheint nicht mehr möglich. Zuviel Gift wabert in der Luft.

Die Verschiebungen und Verwerfungen innerhalb der politischen Landschaft sind unübersehbar. Noch vor 20 Jahren galten Normen und Zwänge als ein Markenzeichen einer spiessigen und geschlossenen Gesellschaft. Heute ist es gerade die Fraktion, die eine eher linke Historie im Gepäck hat, die nur allzu gerne auf Sprach Ge- und Verbote zurückgreifen möchte. Einer Diskussion förderlich oder gar demokratisch ist das freilich nicht.

Sogar an Universitäten, uns allen bisher als der klassische Ort in Erinnerung, der gesellschaftlichen Diskurs initiiert und fördert, zeigen sich mittlerweile bedenklich rückschrittliche Tendenzen.

Der Fall der Professorin Susanne Schröter, Ethnologin und Lehrende an der Goethe-Universität Frankfurt, spricht davon Bände. Schröter plante eine Konferenz zum Thema „Kopftuch- Symbol der Würde oder der Unterdrückung“ im Rahmen ihrer Lehrveranstaltungen als Direktorin des Frankfurter Forschungszentrums Globaler Islam.

Eingeladen waren bekannte Vertreterinnen und Vertreter beider Meinungen, was einer Gruppe von „Studierenden“, wie sich diese selbst gerne nennen, jedoch nicht genug war. In einem Pamphlet wurde nicht nur die Absetzung der Veranstaltung, sondern gleich auch, mittelalterlichen Hexenjagden nicht unähnlich, die Entlassung der Professorin gefordert. (Die WELT berichtete hier.)

Offenbar sind diese Studenten unfähig, zwischen Diskurs und rassistischer Hetze zu unterscheiden. Ein Vorgehen, dem auch die Bahn in ihrer heftigen Reaktion auf Palmer erlegen ist: Kritisches Nachfragen ist gleich rassistische Hetze?

Sachlich gesehen war Palmers Anfrage durchaus berechtigt. Denn die Bahn hat hier, vermutlich bewusst, eher ihr politisches Weltbild als die tatsächliche Bevölkerungsstruktur Deutschlands abgebildet. „Schlimm“ ist beides nicht: Weder das politische Weltbild noch die Nachfrage Palmers. Eine gleichartig giftige Debatte über diese Sachverhalte im Netz wäre beispielsweise in Großbritannien undenkbar. Viele Bürger dieses Landes empfinden das Agieren öffentlicher Institutionen, wie etwa der Bahn, als zunehmend übergriffig im Sinne oberlehrerhaften Bevormundens.

Das zeigt auch das Beispiel eines ZDF Interviews, geführt durch den heute-journal Protagonisten Claus Kleber, mit Beate Küpper, Mit-Autorin der sogenannten „Mitte-Studie“. Küpper erklärt auf nachfragen, ganz im Ton eines Sozialtherapeuten für strafffällige Jugendliche, wer Probleme mit fremdgewordenen Stadtbildern habe, solle doch den Kontakt mit dem Fremden suchen um dann feststellen zu dürfen, man sei sich doch gar nicht so fremd.

Offenbar soll also jedem Einzelnen sogar das Recht auf eigene Empfindungen abgesprochen werden. Nun, Jupiter und Venus sind auch beides Planeten in unserem Sonnensystem, ziemlich unterschiedlich zwar, aber halt doch Planeten.

In diese Art der Debattenführung passen auch die gebetsmühlenartig wiederholten Hinweise, etwa von Claudia Roth, der Bundestagsvizepräsidentin, unsere Gesellschaft würde dann eben „bunter“.

Man braucht kein Prophet zu sein um zu erkennen, dass derartig inadäquate Reaktionen einer überwiegend akademisch-theoretisch geprägten politisch-medialen Klasse auf die Vorbehalte einer im Alltag verankerten Bevölkerung auf wenig positive Resonanz treffen.

Man darf sich fragen, was wollen die uneingeschränkten Befürworter von Migration und Multi-Kulti eigentlich erreichen? Eine Umerziehung? Die störungsfreie, unkritische Hinnahme von geschaffenen Fakten? Zahlreiche Demonstrationen, der Zuwachs oder das zumindest stabile Stimmenpotential der AfD, trotz offenkundiger verbaler und juristischer Entgleisungen, sowie die abnehmende Akzeptanz von Zuwanderung sprechen zumindest gegen das Fortführen der bisherigen Praxis.

Eine wirklich offene Debatte, ohne Denk- und Redeverbote sollte an die Stelle bisheriger, falsch verstandener political-correctness treten.

Demokratie, vor allem die wehrhafte, lebt von der Souveränität und dem Selbstbewusstsein, Meinungsvielfalt gelten zu lassen. Unter diese Meinungsvielfalt fallen freilich keine Straftatbestände, wie etwa das Leugnen des Massenmordes der Nationalsozialisten oder die nachträgliche Verherrlichung ihrer Verbrechen.

Ebenso verdienen auch solche Äußerungen keinen Schutz demokratischer Debattenkultur, die gesellschaftliche Gruppen diskriminieren oder sogar dazu auffordern, in irgendeiner Weise gegen solche Gruppen vor zu gehen.

Dazu gehören freilich weder die Fragen Palmers, die Kopftuch-Konferenz Schröters, noch der von Kleber zitierte Ausdruck des Unbehagens über tatsächliche oder gefühlte Überfremdung.

Dr. Heiko Kallweit hat von 1986 bis 1992 an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg Ur- und Frühgeschichte, Volkskunde, Soziologie, Mineralogie und Geologie studiert.

Er war Stipendiat des Deutschen Akademischen Austauschdienstes.

Heiko Kallweit lebt und arbeitet vorwiegend freiberuflich im Orient (Jemen, Vereinigte Arabische Emirate, Katar) und ist seit 1996 promovierter Archäologe.

 

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