P³: Pathos, Polemik, Populismus

von: Ao Krippner [TERTIUM DATUR]

Pathos, Polemik und Populismus gehören zweifelsohne zu den Stilmitteln der Rhetorik innerhalb der Social Media. Es werden kurze Stimmungsbilder gezeichnet, man versucht, die eigene Meinung so häufig wie möglich bestätigt zu bekommen, und erzielt damit den Eindruck, mit der eigenen Meinung handele es sich um Fakten oder um tiefergründige Betrachtungen, die man launig und verkürzt auf den Punkt zu bringen versucht.

Die Social Media, also soziale Medien bzw. Netzwerke, sind die großen Meinungsbildungsforen unserer Zeit, neben den Kommentaren und den Berichten in den Print- und Bildmedien. Was die Social Media vor allem kennzeichnet, ist, dass man sich mit kurzgesprungenen Betrachtungen gerne innerhalb der eigenen sogenannten „Echokammer“ bewegt, sich der Multiplikatoren (Twitter: Follower, Facebook: „Freunde“) hierin bedient und damit bewusst oder unbewusst Einfluss auf die Meinungsbildung in der Gesellschaft nimmt.

Für die Politiker unserer Zeit sind die Social Media unabdingbares Instrument, Parteipolitisches oder Ideologisches oder welches Anliegen auch immer zu transportieren und zu manifestieren.

Postings bei Facebook oder Tweets bei Twitter sind eigentlich stimmungsgeladene Eintagsfliegen, die mitunter – im günstigen Fall – Aufmerksamkeit erregen, bewusst skandalisieren oder ein Thema erst zu einem prominenten Thema machen, im ungünstigen Fall jedoch sog. „Fake News“ generieren und „postfaktisch“ in die Gesellschaft hineinwirken und Objektivität und Realität nur vorgaukeln. Ein Anstoß mittels einer solchen Kurzmitteilung an die virtuelle Gesellschaft kann nachhaltige Diskussionen auslösen, zu einem konstruktiven Diskurs und Streit zwischen den „politischen Lagern“ führen oder sie kann auch ein geistiges Fastfood sein, das tagesaktuell neu zubereitet wird.

Populismus ist an und für sich nichts schlechtes, bezieht sich die Aussage immer auf den „gesunden Menschenverstand“ und in der Sprache auf die Volksstimmung. Nichts ist „dem Volk“ ferner, als ein Politiker, der die Lebensrealitäten seiner Wähler bzw. der Bürger dieses Landes gar nicht mehr erfassen kann, z.B. weil er sich viel zu weit davon entfernt hat. Populismus ist aber gerade deshalb auch ein Instrument der Manipulation, weil er Nähe und dieselbe Sprache und dasselbe Anliegen nur vorgaukelt, um Zustimmung und Bestätigung zu erhalten, während beispielsweise inhaltlich, abseits dieser populistischen Mitteilungen, ganz andere Richtungen eingeschlagen werden.

Oft thematisieren Populisten einen Gegensatz zwischen „Volk“ und „Elite“ und nehmen dabei in Anspruch, auf der Seite des „einfachen Volkes“ zu stehen. So geht Populismus häufig mit der Ablehnung von Machteliten einher, mit „Anti-Intellektualismus“ einem scheinbar unpolitischen Auftreten, der Berufung auf den „gesunden Menschenverstand (common sense) und auf die „Stimme des Volkes“. In der politischen Auseinandersetzung setzen Populisten oft auf Personalisierung, Moralisierung und Argumente ad populum oder hominem. 

 

(Wikipedia-Artikel: Populismus)

Kennzeichen von Polemik sind oft scharfe und direkte Äußerungen, teilweise auch persönliche Angriffe. Häufig kommt die Polemik mit Überspitzungen daher, mit Ironie, Zynismus und Sarkasmus. Darüber hinaus kennzeichnet den Pathos eine emotionale, theatralische und tendenziell übertriebene Form der Artikulation.

Insgesamt eint jedoch alle drei Stilrichtungen eines: die Emotionalisierung des Gegenübers oder einer größtmöglichen Gruppe. Nicht anders als im Marketing für Produkte des täglichen Lebens, setzt die Politik vor allem auf das Erreichen und das Ansprechen der Gefühlswelt dessen, der das Angepriesene „kaufen“ und sich damit zueigen machen soll. Dem „Käufer“ politischer Botschaften oder dem Abnehmer parteipolitischer Ideologie werden demnach nur nachrangig (oder mitunter sogar gar nicht) sachpolitische Themen erläutert, nahegebracht und zur Entscheidung vorgelegt, sondern die Social Media sind ein nahezu perfekter Operationsraum, mithilfe feinster (oder manchmal auch sehr grober) chirurgischer Präzisionsinstrumente (siehe oben) Operationen am offenen Herzen und der geöffneten Gefühlswelt des Wählers durchführen zu können.

Beobachtungen am heutigen Tage (24. Januar) in den Social Media veranlassten mich dazu, mich dieses Themas wieder einmal anzunehmen und es Ihnen mittels einer Auswahl von Wortäußerungen zur Beurteilung und aber auch zur Bewusstmachung vorzulegen.

Exemplarisch habe ich folgende Themen des heutigen Tages auf der Plattform von Twitter herausgezogen:

  • den „Putsch“ in Venezuela
  • die gemeinsame Stellungnahme von Lungenfachärzten in Bezug auf die Wirkung von Autoabgasen auf die Gesundheit (Streit um die Grenzwerte für Feinstaub und Stickoxide)
  • einen Besuch des Außenministers Maas in den USA
  • die Reaktion der SPD-Politikerin Nahles auf die Aachener Erklärung

Kipping bekennt sich hier zum Populismus und begründet in einem Interview mit der WELT wie untenstehend. Sie schränkt jedoch ein, dass es ihr dabei nur um „Linkspopulismus“ gehe, also polarisiert abermals mit dem Stilmittel der Polarisierung. Sie betont, worum es ihr dabei gehe: um „das Wir-Gefühl„.

Maas hält sich vergleichsweise bescheidener und bedient sich des Pathos, um sich nicht nur als vertrauenswürdig bzw. gar schon als „Vertrauter“ des Bürgers (hier: in Uniform) zu präsentieren, sondern stilsiert sich sogar zum Helden, der der Retter eines Helden eines anderen Staates ist. Beim kommentierenden Twitter-User stößt gerade dieser Pathos auf Belustigung. Er fühlt sich manipuliert und ist offensichtlich vom Pathos Maas‘ negativ berührt.

Als anderes Beispiel für leicht zu identifizierenden Pathos von Andrea Nahles, SPD. Der repetierende User kommentiert entsprechend, während andere Nutzer aus der eigenen sog. „Filterblase“ der Frau Nahles deren überhöht emotionale Äußerungen mit eigenem Erleben bestätigen.

Hier der Kommentar des Grünen-Politikers Janecek zur gemeinsamen Erklärung der Lungenärzte. Er qualifiziert diese Fachärzte zunächst herab („Reichsbürger“), um deren Expertise erst gar nicht gelten zu lassen. Ein Redakteur der Tageszeitung Münchener Merkur reagiert prompt darauf. Ein weiterer Nutzer reagiert entsprechend aggressiv. Lesen Sie den weiteren Verlauf selbst:

 

Einen ähnlichen Versuch unternimmt die für „Die Linke“ im Bundestag sitzende Sevim Dagdelen, indem sie Ihre Meinung als „die wahre Ansicht eines aufrechten Demokraten“ bestätigt wissen möchte.

Der Grünen-Politiker Volker Beck hingegen weist scharf darauf hin, dass die gewählte Headline im Artikel des SPIEGEL manipulativ und suggestiv sei und sogar darüber hinaus den wahren Sachverhalt falsch darstelle.

In einer aktuellen Kolummne im SPIEGEL schreibt Jan Fleischhauer überdies:

Früher waren Politiker stolz, auch Menschen zu erreichen, die sich politisch verirrt hatten. Heute brüsten sie sich damit, keinen Kontakt zu den falschen Leuten zu unterhalten.

 

 

 

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