Paragraph 219a – oder: Ist Werbung für das Leben verwerflicher als Werbung für Abtreibungen?

von: Ao Krippner und Wolfgang Steinherz [Tertium Datur] – (Teil 1)

Wir möchten die erneute Debatte um Schwangerschaftsabbrüche und die Werbung für selbige aufgreifen, um in drei Artikelfolgen einige Fragen und Gedanken aufzuwerfen.

  • Teil 1 handelt von der in der Headline gestellten Frage.
  • Teil 2 interessiert sich für das Meinungsspektrum unter Frauen.
  • Teil 3 interessiert sich sehr und explizit für die Haltung von Männern.

Unsere Fragestellung möchten wir an einem Vorfall aufzeigen, der uns in der letzten Woche intensiv beschäftigte. Natürlich ist uns bewusst, dass bereits unsere Überschrift suggestiv daherkommt. Wir bleiben jedoch dabei:

§219a – oder:
Ist Werbung für das Leben verwerflicher als Werbung für Abtreibungen?

Auch möchten wir mit dieser Artikelserie zu Wortmeldungen und Erfahrungsberichten einladen … in unseren Kommentarbereich unterhalb des Artikels oder gerne auch über Zuschriften für die Rubrik „Lesermeinungen“, die wir dann gerne mit Einverständnis des Einsendenden veröffentlichen werden.

 

Zunächst die Rechtsgrundlagen:

Mit der erneut aufgeflammten Diskussion bezüglich des Paragraphen 219a Strafgesetzbuch, nämlich der strafbewehrten Werbung für Schwangerschaftsunterbrechungen, ist es naheliegend, dass auch über den Paragraphen 219 StGB erneut diskutiert wird, der da auszugsweise lautet:

Die Beratung dient dem Schutz des ungeborenen Lebens. Sie hat sich von dem Bemühen leiten zu lassen, die Frau zur Fortsetzung der Schwangerschaft zu ermutigen und ihr Perspektiven für ein Leben mit dem Kind zu eröffnen; sie soll ihr helfen, eine verantwortliche und gewissenhafte Entscheidung zu treffen. 3Dabei muß der Frau bewußt sein, daß das Ungeborene in jedem Stadium der Schwangerschaft auch ihr gegenüber ein eigenes Recht auf Leben hat und daß deshalb nach der Rechtsordnung ein Schwangerschaftsabbruch nur in Ausnahmesituationen in Betracht kommen kann, wenn der Frau durch das Austragen des Kindes eine Belastung erwächst, die so schwer und außergewöhnlich ist, daß sie die zumutbare Opfergrenze übersteigt.“

Ärzte unterliegen zudem prinzipiell einem generellen Werbeverbot. Also darf demnach für einen gem. §218a straffrei gestellten Straftatbestand natürlich “erst recht” nicht geworben werden. Demnach: “Abtreibung ist keine normale ärztliche Dienstleistung”.

In § 219a ist jedoch angeführt:

(2) Absatz 1 Nr. 1 [das Werben für Abtreibungen] gilt nicht, wenn Ärzte oder auf Grund Gesetzes anerkannte Beratungsstellen darüber unterrichtet werden, welche Ärzte, Krankenhäuser oder Einrichtungen bereit sind, einen Schwangerschaftsabbruch unter den Voraussetzungen des § 218a Abs. 1 bis 3 vorzunehmen.

(3) Absatz 1 Nr. 2 gilt nicht, wenn die Tat gegenüber Ärzten oder Personen, die zum Handel mit den in Absatz 1 Nr. 2 erwähnten Mitteln oder Gegenständen befugt sind, oder durch eine Veröffentlichung in ärztlichen oder pharmazeutischen Fachblättern begangen wird.

Zum Vorfall:

Am 22. Januar diesen Jahres veröffentlichte also der NDR eine Video-Reportage über „Abtreibungsgegner“.

Die Bloggerin/Vloggerin und Jungjournalistin Kristina Weitkamp, die beispielsweise das vom MDR Sputnik produzierte Format FUNK, einem  Contentnetzwerk für 14- bis 29-Jährige von ARD und ZDF, mit Themen wie „Fickt Euch, ist doch nur Sex“ mitgestaltet, produzierte für den NRD ein Video mit dem Titel „Abtreibungsgegner – so üben sie Druck auf Schwangere aus“. (Das Video finden Sie im Anschluss an den Artikel)

Weitkamp recherchierte „undercover“ bei mehreren Beratungsstellen, so auch bei Pro Femina e.V. | Projekt 1000plus in Heidelberg bzw. München.

Wie eindeutig aus dem Internetauftritt von Pro Femina e.V. hervorgeht, handelt es sich um ein Beratungskonzept, das sich – ganz offensichtlich nicht nur, weil es der Gesetzgeber so vorsieht (siehe: Schutz des Ungeborenen Lebens) – unmissverständlich  positioniert und die grundlegende Haltung vertritt, Schwangere darin zu ermutigen, ihr Kind auszutragen, sowie Unterstützung (materiell, ideell) auch über die Schwangerschaft hinaus anbietet.

Es handelt sich also nicht um eine versteckte, suggestiv transportierte Position, sondern es ist vielmehr bereits auf der Startseite der Organisation ersichtlich, dass das Konzept eine „individuelle Begleitung im Einzelfall“ mit einer grundsätzlichen Entscheidung für die Fortsetzung der Schwangerschaft und die Bewältigung der damit einhergehenden Konflikte bedeutet. Zitat:

„Wir beraten für das Leben“

„Undercover“ nahm Weitkamp als vermeintlich Schwangere in Konfliktsituation Mail-Kontakt mit der Beratungsstelle auf. Die Beraterinnen von Pro Femina führten mit Weitkamp daraufhin eine Korrespondenz, die in einem Beratungstermin vorort mündete.

Aus den Darstellungen von Weitkamp und auch aus den Stellungnahmen und der Veröffentlichung der Korrespondenz mit Weidkamp geht hervor, dass eine der Beraterinnen mit den Sätzen (sinngemäß) antwortete: „Sie sind also im Zweifel und in einer Situation des inneren Konfliktes?“

Weitkamp greift in ihrer Reportage diese Anmerkung auf und versteht den Verweis auf Zweifel als „Druck“ hinsichtlich dessen, dass Zweifel bei der anfragenden Schwangeren dadurch ja erst geweckt würden und die Frauen, die zur Beratung kämen, damit zur Entscheidung pro Kind manipuliert würden.

Auf dieser Unterstellung baut sie ihre Reportage auf und liefert natürlich prompt den Beweis dafür, dass hiermit nicht nur die Selbstbestimmung dieser Frauen untergraben würden, sondern dass darüber hinaus das Vorgehen solcher Beratungsstellen wie der von Pro Femina geradezu auf militante, also mit „Gewalt“ innerhalb der Kommunikation, und auf reaktionäre Art und Weise Frauen in eine vorweggenommene, fremdbestimmte Entscheidung gedrängt würden. Geschnitten und kommentiert wurde der Film entsprechend aufreißend als „Enthüllungsreportage“.

Auch wertet Weitkamp den Umstand, dass die Beraterinnen mehrfach in Wochenabstand per Mail nachfragten, wie es Weitkamp denn nun gehe und ob sie mittlerweile den Kindsvater ins Vertrauen gezogen habe und mit ihm über die Problematik habe reden können, als Einflussnahme, Manipulation und Druck auf Schwangere.

Das Konzept von Pro Femina beruft sich unter anderem auf Viktor Frankl, was ebenfalls aus der Homepage deutlich hervorgeht. Frankl wurde bekannt durch die von ihm entworfene Logotherapie und Existenzanlayse und – einem breiteren Publikum – durch das Buch „… trotzdem ja zum Leben sagen“. Frankl ist als jüdischer Psychologe Überlebender u.a. der Konzentratonslager Dachau und Auschwitz, und der Titel greift den Refrain der Lagerhymne „Buchenwaldlied“ auf. Pro Femina schließt sich mit seiner  Leitlinie eindeutig den Sinnfragen und -antworten von Viktor Frankl an, was ebenfalls sehr rasch aus dem Online-Auftritt der Organisation hervorgeht.

„Das Leiden, die Not gehört zum Leben dazu, wie das Schicksal und der Tod. Sie alle lassen sich vom Leben nicht abtrennen, ohne dessen Sinn nachgerade zu zerstören. Not und Tod, das Schicksal und das Leiden vom Leben abzulösen, hieße dem Leben die Gestalt, die Form nehmen. Erst unter den Hammerschlägen des Schicksals, in der Weißglut des Leidens an ihm, gewinnt das Leben Form und Gestalt.“

– Ärztliche Seelsorge, S. 118, Viktor Frankl

Wir stellen uns also die Frage, warum eine Journalistin, Bloggerin und sich medial als Beraterin in Fragen der Problematik junger Menschen Darstellende nicht gründlicher mit dem Angebot, über das sie in diesen Funktionen berichten möchte, beschäftigt hat. Wie wir erwähnten, kann das Spektrum und die Leitlinie dieser Beratungsstellen nahezu auf einen Blick erfasst werden.

Natürlich wird sich eine Beratungsstelle mit diesem idealistischen Hintergrund immer an Frankls „… trotzdem“, also „trotz aller Schwierigkeiten, trotz aller Schicksalsschläge“, zu einem Ja zum Leben bekennen, so diese Bekenntnisse authentisch, echt und mit Überzeugung in die Arbeit einfließen sollen. Was erwartet man da anderes? Eine grundsätzliche Beliebigkeit zum Leben schlechthin und eine Gleichgültigkeit in Bezug auf die Problematik einer ungewollt Schwangeren?

Gehen wir in die Kirche zum Gottesdienst, werden wir wohl kaum erwarten, dass ein Priester sich intensiv um die Möglichkeit des Athismus kümmert und ihn uns von der Kanzel herunter anempfiehlt. Er wird uns immer das Angebot des „Ja“ zum Glauben machen. Auch hier bleibt es ein Angebot, das ebenfalls begründet wird.

Eine Beratungsstelle, die sich dem Leitgedanken des „Ja zum Leben“ verschreibt, kann und soll nicht neutral zum werdenden Leben stehen.

Gerade das wäre manipulativ, wenn solch eine grundsätzliche Haltung verschleiert daherkäme. Gerade dann wüssten die Schwangeren nicht, dass diese Beratung – ganz so, wie es der Gesetzgeber vorsieht, nämlich den Schutz des Ungeborenen zuvorderst als Maßstab heranzuziehen –  individuelle Möglichkeiten pro Kind sucht und diese dann individuell und konsequent unterstützt.

Wie auf der Webpräsenz von Pro Femina e.V. zu lesen ist und wie auch die E-Mail-Korrespondenz mit der „Undercover-Schwangeren“ Weitkamp belegt, negiert Pro Femina eben nicht, dass eine Frau, die vor solch einer schicksalhaften Herausforderung und Entscheidung steht, Gewissenskonflikte, ambivalente Gefühle und eine teilweise erschütternde Achterbahnfahrt durch ihr Inneres unternimmt.

Den Versuch Weitkamps, zu suggerieren, dass solche inneren Prozesse erst durch die Beratung ausgelöst würden, halten wir sowohl journalistisch, als auch und gerade menschlich für hochgradig unseriös und manipulativ. Diese Vorgehensweise und Bearbeitung des Themas halten wir überdies für unverantwortlich gegenüber Frauen, die vor solch einer Entscheidung stehen, gleich welchen Ausgang diese auch immer nimmt.

Der NDR, als öffentlich-rechtlicher Sender, hätte zumindest seiner Sorgfaltspflicht innerhalb eines solch tiefgreifenden Themas gerecht werden müssen, indem er eben gerade in dieser Reportage zumindest die hohe psychische Belastung innerhalb der Problemstellung „Abtreibung ja oder nein“ herausstellen lässt. Dies ist unterblieben.

Vielmehr stellt Weitkamp dar, dass es grundsätzlich ja gar keinen Konflikt gäbe, außer die Begleitung einer Schwangeren, die grundsätzlich einen medizinischen Eingriff vornimmt, der schlicht und ergreifend medizinisch nur fachgerecht begleitet werden müsse oder, so es doch zu inneren Konflikten komme, die Entscheidung für den Schwangerschaftsabbruch positiv bekräftigt werden muss.

Von der in der Reportage fehlenden Erwähnung von psychischen Folgen nach einem Schwangerschaftsabbruch und wie man diese ggf. vermeiden oder beheben kann, so man sich für einen solchen entscheidet, möchten wir an dieser Stelle gar nicht erst reden.

Eine Reportage darf natürlich grundsätzlich eine Haltung tendenziös vertreten. Es ist nicht zwangsläufig so, dass „beide Seiten“ darzustellen sind. Dass Weitkamp vehemente Verfechterin von einer oberflächlichen Haltung zur Entscheidung pro Abtreibung ist, geht jedoch aus diesem Beitrag eindeutig hervor.

Der Schwangerschaftsabbruch wird also zur „medizinischen Dienstleistung“ heruntergeredet, für oder gegen die sich eine schwangere Frau „mal eben“ entscheidet. Aus vielen Langzeitstudien wissen wir jedoch, dass die psychische Belastung für Frauen, die abgetrieben haben, nachhaltig beeinträchtigend sein kann. Es ist eher so, dass Beeinträchtigungen die Regel und eben nicht die Ausnahme sind. Gerade deshalb ist eine umfassende, alle Ebenen berücksichtigende Beratung wichtig.

Von daher ist der Aspekt einer nicht nur „pro forma“ durchgeführten Beratung, um der Verpflichtung aus der Gesetzeslage genüge zu tun, entscheidend, sondern entscheidend ist, wie tiefgründig diese stattfindet und welche nachhaltig wirkenden Aspekte in diese Beratung einfließen. Eben auch und immer die Möglichkeit einbeziehend, dass ein Ungeborenes zur Welt kommt und wie es für diesen Fall dann weitergehe mit der Entscheidung für dieses gemeinsame Leben.

Weitkamp propagiert indirekt, dass die Werbung „Für das Ja zum Leben“ und eine – alle Ebenen der Konflikte, Zweifel und auch des zukünftigen Lebens mit oder eben ohne dieses Kind – beinhaltende Beratung verwerflicher sei als ihr Standpunkt.

Weitkamp transportiert, dass diese Beratung bitte alle Zweifel zu negieren und zu ignorieren und erst gar nicht initiativ anzusprechen habe und durch oberflächliche Herangehensweise über innere Konflikte hinwegsteigen solle.

Frauen sollen grundsätzlich darin bekräftigt werden, dass die Entscheidung für eine Abtreibung quasi ein Akt der Selbstbestimmung seien.

Es wird ein Bild transportiert, welches weniger den Umstand der Schwangerschaft und des werdenden Lebens sowie die persönliche Lebenssituation der Schwangeren umfasst, sondern welches über den Umgang mit Abtreibung ein Merkmal für Selbstbestimmung ist … und lange danach erst, wenn überhaupt, tiefgreifende menschliche Ebenen berührt, die mit dem Bewusstein zu tun haben, dass es um menschliches Leben geht.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen:

die Entscheidung, ob ein Kind zur Welt kommt oder aber nicht, ist natürlich eine selbstbestimmte Entscheidung und soll es auch immer sein. Die Tendenz jedoch, die als Norm gesetzt werden soll, nämlich, dass das Thema Selbstbestimmung im Vordergrund stehen müsse, ist bei allem, was wir über die Folgen eines Schwangerschaftsabbruches, – so er nicht gründlich und individuell und psychologisch – auch über den Abbruch hinaus – begleitet wird, – widerspricht all dem, was man über die Folgen und die Gefahren eines Schwangerschaftsabbruchs weiß.

Natürlich ist Weitkamp im Alter der Frauen, die dieses Thema angeht, also im sogenannten „gebärfähigen“ Alter. Und natürlich beschäftigt diese Altersgruppe das Thema insbesondere. Aber gerade wenn es um die Darstellung dieser Thematik in den öffentlich-rechtlichen Medien geht, sollte hier mehr Sorgfalt im Spiel sein und sollten Reportagen fundiert, mit Tiefgang und mit Weitblick und auf fachlichem Boden stehend entstehen. Weitkamp behandelt das Thema innerhalb einer Reportage nicht anders als jedes andere ihrer Lifestyle-Themen für ihre eigene Alterszielgruppe.

Die Reportage ist in ihrer gesamten Note ein Kampagnenfilm pro Abtreibung, der noch zudem zwei Bereiche reißerisch abräumt, indem

– „Pro Leben“-Organisationen geradezu kriminalisiert oder zumindest als militant dargestellt werden

– tiefgehende Beratung und Begleitung von Frauen in seelischen Konflikten (wozu eine ungewollte Schwangerschaft zweifelsohne gehört) verächtlich gemacht wird.

 

Wenn es also um die Frage geht, ob Mediziner, die Abtreibungen vornehmen, damit auch offensiv Werbung machen dürfen,

so darf man die Frage danach nicht ausklammern, ob es wirklich im Sinne des Gesetzgebers und vor allem im Sinne unserer Gesellschaft ist,

wenn öffentlich-rechtliche Sender völlig unreflektierten Lifestyle-Journalisten die Möglichkeit geben, Schwangerschaftskonflikte derart – wie geschehen – zu bearbeiten und ihrerseits

Kampagnen gegen Organisationen mit tiefergehendem Beratungsangebot zu inszenieren und ganzheitliche Beratung damit bewusst und aggressiv torpedieren und diffamieren.

Letzten Endes sind wir der Meinung, dass sich die Frage gar nicht stellt, ob Werbung für Abtreibungen legalisiert werden sollte. Ein gutes Netz aus Schwangerschaftskonfliktberatung hält ohnehin entsprechende Adressen vorrätig.

Lesen Sie dazu auch unseren morgen scheinenden Teil 2.

 

 

 

 

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