„Tot ist tot!“ – Der Hayali-Tweet: und manchmal braucht’s den Online-Pranger

Kommentar von: Ao Krippner [Tertium datur]

 

Dunja Hayali twitterte gestern aus Anlass des Todestages von Sophie und Hans Scholl, Christioph Probst und anderen Widerstandskämpfern der Weißen Rose, die sich dem NS-Regime widersetzten:

Als Reaktion darauf erhielt sie folgenden Tweet eines Twitter-Users:

Es bedarf hier keines Interpretationsspielraumes, was dieser User zum Ausdruck bringt. Es steht explizit in den Zeilen: „Ich meine umlegen, und zwar richtig“. Er betont zudem, dass er hier keine Missverständnisse aufkommen lassen möchte.

Es ist Dunja Hayali hoch anzurechnen, dass sie direkt auf diesen User reagiert und versucht, mit ihm ins Gespräch zu kommen. Andere prominente Twitter-Nutzer lassen die Threads unter ihren Tweets einfach laufen. Viele Reaktionen bedeuten: viel Aufmerksamkeit. Der Inhalt ist egal. Upvotes sind Upvotes. Zustimmung ist Zustimmung.

Hayali geht jedoch in die Verantwortung für die Diskussion, die ihr Tweet ausgelöst hat.

Im Grunde geht sie direkt auf ihn zu, stellt ihn und versucht zu erreichen, dass er für seine Wortäußerung in Verantwortung tritt. Zumal diese mutmaßlich den § 130 StGB (Volksverhetzung) bereits erfüllt hat. Er jedoch „die Nazis“ sind, wen er also unter dieser Überschrift subsumiert, wird dieser User jeweils neu entscheiden. Diese unsägliche Inflation in der Begriffsverwendung gerade in den Social Media legitimiert den User dazu, moralisch im Recht zu sein, sogar das Äußerste zu fordern: „Ich rede von umlegen. Tot ist tot!“

Die Anonymität im Internet und der Schutzwall, der durch die Virtualität auch für Klarnamen-Accounts zwischen eigener Lebensrealität und Social Media gezogen wird, begünstigt derartige unverblümte, zu Gewalt aufrufende Äußerungen und lässt alle Vorsicht fahren und alle Masken fallen.

Ich bin generell gegen Online-Pranger, habe ich aber in diesem Fall mit diesem Artikel dazu entschieden, einen solchen zu installieren. Exemplarisch installiert für Alle, die die Spirale der Gewalteskalation nach oben ziehen.

Auf der Spirale der Exkalation sind nur noch zwei Stufen möglich.

Mein Kollege und ich haben das im Artikel „Wood-Bürger – Politischer Stil auf dem Holzweg“ aufgezeigt. Wohgemerkt: dies betrifft alle Protagonisten aus allen politischen Lagern. Begünstigt wird diese Entwicklung durch negativ beispielgebendes Verhalten von Politikern und Aktivisten.

Der politische Wettbewerber wird zum Gegner, dann zum Feind, schließlich zum privaten und persönlichen Feind, gegen den alles erlaubt ist. Argumente »ad hominem« sind in dieser Eskalation die Regel.

Wozu auch die koprolalistische Provokation und der gezielte Tabubruch gehören. Beleidigungen und Entwürdigungen sind typische Formen der Aufkündigung von Solidarität, wie es Axel Honneth in seiner Theorie des Kampfes um Anerkennung beschreibt, wie wir im o.g. Artikel anführen.

Stattdessen sitzen wir an unseren Tastaturen und lösen die Tasten wie die Schächte eines Bombers aus – anonym und ohne Skrupel.

Ich bin gegen Online-Pranger. In diesem Fall stehe ich jedoch ausdrücklich dazu.

Wir alle sind gemeinsam aufgefordert, jedem User – aus welcher politischen Richtung heraus er auch eine solche Agitation betreibt – deutlich Einhalt zu gebieten.

Es gibt NICHTS, was eine solche Wortäußerung legitimieren könnte.

Sind wir uns als Gesellschaft über alle politische Unterschiedlichkeit hinweg darin nicht mehr einig, dass dieses Agieren keine Legitimation hat, dann gibt es nichts mehr, worüber es sich noch lohnt zu diskutieren und zu debattieren.

Mit diesem Artikel geht mein Dank ausdrücklich an Frau Hayali.

 

 

Reaktionen bei Twitter:

Die Initiatorin einer „Merkel muss weg“-Demo in Hamburg twitter:




 

 

 

 

 

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