„Unnatürliche Auslese“ in der AfD? Von Zwischenrufen und der „feministischen Außenpolitik“

von: Ao Krippner [Tertium datur]

Als eine Frau, die in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts geboren ist, weiß ich, wieviel der Emanzipations- und Frauenbewegung zu danken ist. Bereits ich konnte an den Früchten der Women’s Rights-Bewegung der 60er Jahren, am Kampf für Gleich-Berechtigung von Frauen wie Alice Schwarzer partizipieren. Das Streben nach Emanzipation war ebenso notwendig wie überfällig. Vor dieser Bewegung durften Frauen ohne Einverständnis des Mannes oder Vaters weder studieren, noch den Führerschein machen. Sie durften nicht einmal eine Arbeitsstelle ohne die Einwilligung ihrer Männer annehmen.

Dennoch hatte die Frauengeneration, zu der ich gehöre, noch so einige individuelle Kämpfe um die Selbstbehauptung auch noch in den 80er Jahren durchzustehen.

Der Neo-Feminismus hingegen ist mir fremd. Er hält meiner Wahrnehmung nach dieses erstrebenswerte Gleich-Gewicht nicht in der Waage, sondern versucht aggressiv, alles Männliche zu verteufeln. Gleichzeitig sinkt erstaunlicherweise die Wahrnehmung dafür, was das eigene Frausein bedeutet: Ziel ist es, männliche Eigenschaften anzunehmen, um zum Ziel zu kommen. Ich erlebe in meiner täglichen psychologischen Beratungs- und Therapiepraxis, wie sehr die Frauen darunter letztlich leiden, ihr Frausein verleugnen zu müssen.
Und dennoch oder gerade deshalb, also aus meiner Erfahrung als Frau heraus und als jemand, der Frauen und Männer psychologisch begleitet, kann ich nichts mit Quotenregelungen anfangen, nichts mit der aktuellen Debatte zur Parité in den Parlamenten. Ich denke, dass es eine der Aufgaben der Frauen und Männer des 21. Jahrhunderts ist, diese Unterschiedlichkeit zwischen Mann und Frau konstruktiv hervorzukehren und diese miteinander zu verschmelzen.
Soviel einleitend. Tagesaktuell steht nun im Bundestag ein Antrag der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen zur Debatte. Die Grünen fordern darin eine „feministische Außenpolitik“, die „die Interessen von Frauen, Mädchen und marginalisierten Gruppen weltweit viel stärker in ihrer Außen-, Sicherheits-, Menschenrechts- und Entwicklungspolitik berücksichtiget“. Nebenbei wird eine 50-Prozent-Frauenquote in allen Arbeitsprozessen der deutschen Außenpolitik gefordert.
Frauen seien „kein nettes Beiwerk einer ansonsten von militärischer Machtpolitik geprägten Außenpolitik“, sondern „zwingende Voraussetzung friedlichen Zusammenlebens“, begründet Claudia Roth, Grünensprecherin für Auswärtige Kulturpolitik der Fraktion und Bundestagsvizepräsidentin.
Auszug:
Abgesehen von einer erneuten Forderung nach einer starren und ggf. sogar gesetzlich geregelten Quote kann ich dieses Bestreben und Forderung bejahen.

Aus der alten Emanzipationsbewegung heraus gibt es Forderungen, wonach das Asylrecht unbürokratisch vor allem auf Frauen und Kinder angewandt werden soll. Frauen und Kinder sind nach wie vor in Konflikt-, Krisen- und Kriegsregionen die hauptsächlich Leidtragenden, da am schutzlosesten.

Frauen und Kinder waren schon immer die Stellvertreter in Kriegen, denen man Leid zufügte, um männlich dominierte Systeme wie das Militär oder Regierungsstrukturen bis ins Mark zu treffen und zu schwächen. Hier kann man durchaus von „hybrider Kriegsführung“ sprechen. Über das Leid, das man Frauen und Kindern zufügt, trifft man eine Gesellschaft bis ins Mark.

Ich begleite nun seit mehreren Jahren eine Ezidin, die sich für die Frauen und Kinder ihres Volkes insbesondere einsetzt: im Irak und in Syrien. Ich erlebte mit, wie diese Frau durch den IS und deren Sympathisanten tausend geschändete, vergewaltigte, gefolterte und versklavte Frauen im Nordirak abholte und in ein Schutzprojekt in Baden-Württemberg überführte. Unter ihnen war seinerzeit die Friedensnobelpreisträgerin Nadia Murad, mit der meine Klientin seitdem befreundet ist. Ich habe erschüttert die Schilderungen dieser Mission bis ins Detail hinein erfahren.

Tief berührt erinnere ich mich noch an die Schilderung „meiner Ezidin“, die mir unter heißen Tränen erzählte, dass das geistliche Oberhaupt der Eziden diese Frauen nicht aus der ezidischen Gemeinschaft ausschloss, wie es die Tradition eigentlich erfordert hätte, nachdem sie von Muslimen missbraucht und geschändet worden waren. Ich innere mich an die Worte „Ihr seid und bleibt unsere Töchter und Frauen!“ Eine unfassbar weitreichende, ganz große Geste, kennt man die ezidische Tradition und die Regeln und Gesetze dieser ethnischen Gruppe.

Meine Klientin, mit der mich mittlerweile eine innige Freundschaft verbindet, positioniert sich nicht nur als Frau innerhalb der ezidischen Gemeinschaft, sondern versteht es auch, die kulturellen Regeln ihres Volkes mit dem Leben als Frau in Mitteleuropa trefflich überein zu bringen. Sie referiert engagiert in Workshops beispielsweise bei der Bundeswehr, wo es gilt, Soldatinnen und Soldaten für den Einsatz in Gebieten auf die kulturelle Andersartigkeit vorzubreiten – gerade im Hinblick auf den Umgang dort mit Frauen und Kindern, die mit restriktiv patriarchaischen Normen leben.

Gestern nun hielt Britta Haßelmann von den Grünen eine Rede im Bundestag. Thema wiederum: die Quote in Bezug auf das passive Wahlrecht. Haßelmann zählte den Frauenanteil in den AfD-Fraktionen in Bundes- bzw. Länderparlamenten auf.

Ein Zwischenruf aus der AfD-Fraktion quittierte diesen Vortrag:

„Natürliche Auslese!“

Wer mich kennt, der weiß, dass auch mein Humor ein bisweilen scharfes Schwert sein kann. Dieser Zwischenruf (von welchem AfD-Abgeordneten er auch immer kam) wird nun von Claudia Roth vor den Ältestenrat gebracht. Wie ich finde: zurecht.

Meine „Art von Humor“ ist es, an dieser Stelle beim Blick durch die Reihen der AfD-Bundestagsfraktion festzustellen:

ginge es innerhalb dieser um „natürliche Auslese“, also „Survival of The Fittest“, so ist Darwin in Bezug auf die AfD-Bundestagsfraktion definitiv widerlegt.

Auszug aus dem Plenarprotokoll der Bundestagssitzung vom 21.02.2019:

Ich sehe nun mit Spannung der Bundestagsdebatte am heutigen Tag entgegen. „Feministische Außenpolitik“ darf meiner Ansicht nach keine ideologisch-feministische Außenpolitik abbilden, innerhalb derer sich Ideologinnen in Ämtern und Mandaten selbstverwirklichen, sondern es geht vielmehr um eine Bewusstmachung von „Außenpolitik für Frauen und Kinder in dieser Welt“. Das Label „feministisch“ ist an dieser Stelle völlig überflüssig.

Ich werde diesen Artikel fortsetzen, nachdem ich die heutige Debatte gehört habe. Voreingenommen vom gestrigen Zwischenruf, der kein gutes Vorzeichen abbildet, wage ich bereits jetzt zu prognostizieren, dass der Wortbeitrag aus der AfD heraus zu diesem Thema die Belange von Frauen und Kindern in den Krisenregionen nicht mal erfasst, geschweige denn berücksichtigt, sondern sich vielmehr einem effektheischenden, affektierten Kampf „gegen die Linksgrünversifften“ widmen wird. Schon jetzt sage ich zudem: es ist eine äußerst schlechte Wahl, zu diesem Thema ausgerechnet einen Mann in die Bütt zu schicken.

Nein, ich bin generell dafür, dass sich Frauen und Männer gemeinsam den Themen der Frauen und Kinder dieser Welt annehmen müssen. Das Schicksal von Frauen und Kindern in Krisenregionen und hier im besonderen die Forderung danach, in die Außenpolitik mehr Frauen einzubeziehen, um diesen Menschen gerecht werden zu können – unter Berücksichtigung dessen, dass psychisch und physisch verletzte Frauen und Kinder aus männlich geprägten Strukturen sich Frauen anvertrauen und diesen vertrauen – ist ein hochsensibles und wichtiges Feld. Zu sensibel, um damit die üblichen publikumswirksamen PR-Shows und Selbstinszenierungen im Bundestag abzuhalten: für ein paar Likes und Upvotes in den Social Media aus der eigenen Filterblase, für ein kreischendes Publikum, das das eigentliche Thema stigmatisieren, vorführen, bagatellisieren und wieder einmal mit Spott und Häme reagieren soll.

Aktualisierung – zur Bundestagsdebatte:

Die Grünen-Abgeordnete Agnieszka Brugger führt aus, dass es nicht darum gehe, dass Frauen „die besseren Menschen“ seien. Es brauche jemanden, der für die Rechte von Frauen kämpfe, und betont, dass Friedensprozesse gemäß Studien konstruktiver verlaufen und besser ausgehen, wenn Frauen beteiligt seien.

Sie fordert, dass auf dem internationalen Parkett (Botschaften, Organisationen) mehr Frauen präsent seien.

Elisabeth Motschmann von der Unions-Fraktion rügt die AfD-Fraktion: „Ihr Männer da rüber seid wirklch sehr, sehr berechenbar. Aber Ihr seid nicht klug. [… Gelächter aus der AfD-Fraktion] Es gibt auch eine abschätzige Heiterkeit.“ Motschmann rügt die Grünen-Fraktion, indem sie darauf hinweist, dass diese keine einzige Frau im Auswärtigen Ausschutz stelle. Wenn Frauen in der Auswärtigen Politik agierten, änderte sich der Blick. Frieden sei nachhaltiger, wenn Frauen am Verhandlungstisch gegessen haben. Die CDU-Fraktion lehnt allerdings den Antrag der Grünen ab.

Petr Bystron, Obmann der Ausschusses „Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik“, AfD-Fraktion, agierte nun wie ich vorher vermutet hatte:

es wird mit keinem Wort auf die Problematik der Teilhabe von Frauen an Friedensprozessen und als Anwältinnen für Frauen und Kinder dieser Welt eingegangen. Er nutzte den Redebeitrag für oben bereits Ausgeführtes erwartungsgemäß.

Man müsse sich heute mit einem sexistischen Antrag beschäftigen. Er führt an, dass es nicht stimme, dass in „allen Regionen der Welt“ Frauen diskriminiert würden.

Frau Roth habe zudem den Antrag völlig wertlos gemacht, indem sie sich im Iran den islamischen Strukturen unterworfen habe. Die Bundestagspräsidentin sei, laut Bystron, dieses Amtes nicht würdig. Roth habe mit den Mullahs paktiert.

Feministische Politik à la Merkel sei der Brexit und ein gespaltenes Europa. Der Antrag sei ein Missbrauch des Parlaments und kulturmarxistische Propaganda.

Die Abgeordneten wollten sich nur mehr Geld und Macht sichern in Bereichen, in denen ihnen die Qualifikation fehle.

Merkel hetze Frauen gegen Männer auf. Heteros gegen Homosexuelle. Behinderte gegen Nichtbehinderte.

Ein Staat betreibe Außenpolitik, um die Interessen aller seiner Bürger zu vertreten. Die Interessen der eigenen Bürger rangierten an erster Stelle.

„Man braucht eine verantwortungsvolle Außenpolitik. Und am meisten für Billy Six, den Sie im Gefängnis verrotten lassen.“

Bystron schließt ab mit den Worten: „Ich spreche damit für jeden einzelnen unserer Wähler: über 8 Mio Wähler lehnen Ihren Antrag geschlossen ab.“

Nun könnte man dies alles gut so stehen und für sich selbst sprechen lassen. Thema verfehlt. Setzen. Was ich dazu denke, geht im Grunde aus Vorangesagtem hervor. Ein so wichtiges Thema wurde wieder einmal von der AfD für eine Show missbraucht, die einzige dem eigenen Publikum dient.

Ich halte es für unerträglich, dass sich die AfD-Fraktion scheinbar nicht mit der Problematik von Frauen und Kindern auseinandersetzen möchte. Man möge sich mit dem Gedanken auseinandersetzen, ob die ins Feld geschickten „Außenpolitiker“ (die ihrerseits mit keinerlei Qualifikation, Vorbildung oder Erfahrung in diesem Bereich aufwarten und damit de facto die Qualifikation für’s diplomatische und außenpolitische Parkett fehlt) die wirklich richtigen für dieses sensible Feld sind. Immerhin geht es unter anderem auch um ein ramponiertes Ansehen unseres Landes im Ausland.

Wenn von „Geld und Macht“ die Rede in diesem Beitrag war, so frage ich mich, wie das Investment in die bisherigen Auslandsaufenthalte des Abgeordneten – vom Steuerzahler gezahlt – nun zu Buche schlägt, wenn man sich einer seriösen Auseinandersetzung mit dem Antrag und auch und vor allem mit der Not und dem Leiden von Frauen und Kindern weltweit komplett verweigert.

Jeder Stammtisch in der oberbayerischen Provinz hätte sich reflektierter und ernsthafter mit diesem Thema auseinandergesetzt.

Ja, der Eindruck verfestigt sich … und ich wäre noch von zwei Jahren niemals davon ausgegangen, dass die Anwürfe, die AfD tue sich durch Frauenfeindlichkeit hervor, sich heute mit Zwischenrufen wie gestern und dieser Show aus Klamauk und Emotionalisierung des eigenen Gefolges realisieren und als berechtigt darstellen könnten.

Schlimmer noch als mit diesem Redebeitrag vor dem Bundestag klarzustellen, dass der Zwischenruf „natürliche Auslese“ durchaus nicht humoristisch/satirisch gemeint war, ist die Tatsache, dass im Redebeitrag ein so wichtiges Thema als völlig unwichtig erachtet wurde, indem man diesen ausschließlich dazu nutzt, den politischen Gegner und hier vor allem die Frauen im Parlament und Mandat, auf vulgäre und sprachlich und inhaltlich primitive Weise zu diffamieren.

Schlimmer noch als Gegnerschaft ist aber eines, was diesen Beitrag kennzeichnete:

Ignoranz ist die höchste Form der Verachtung.

Anliegen und das Leid von Frauen und Kindern in Kriegs- und Krisenregionen mit dieser höchsten Form der Verachtung einer post-politischen Show zur Selbstinszenierung unterzuordnen, ist für mich der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt.

Jemand, der sich im Unterausschuss Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik profilieren will, muss sich geradezu zwingend mit den Rechten von Frauen und Kindern weltweit auseinandersetzen und sich für diese einsetzen. Ein Repräsentant unserer Gesellschaft trägt unsere Werte und unser Weltbild in andere Länder hinaus.

Dem, dass er die Meinung von 8 Millionen AfD-Wählern mit diesem Redebeitrag vertrete, möchte ich mit dem Verweis kontern:

Nein, zumindest 4 Millionen unter ihnen, also die Frauen, können sich hier keineswegs vertreten, sondern nur durch eine unadäquate Nichtbehandlung eines so wichtigen Themas vereinnahmt fühlen.

Prädikat: die denkbar schlechteste Performance eines verbalen Stangentanzes.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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