Warum wir Kevin Kühnert dankbar sein können – Brief III an Richard Feuerbach

von: Ao [Tertium datur]

Chronologie:

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Warum wir Kevin Kühnert dankbar sein können …

Bernbeuren, 05. Mai 2019

Lieber Richard Feuerbach,

in medias res und ohne mich mit Nettigkeiten zu Beginn der Antwort an Dich aufzuhalten: Du schreibst mir Folgendes:

„Es stellt sich die Frage: Kann und soll man mit Verleumdern, Denunzianten und Diffamierern noch reden? Meine Antwort ist ein klares JA. Trotzdem. Jetzt erst recht. Man muss es sogar.“

Du kannst Dich sicherlich daran erinnern, dass ich es als Paradoxon bezeichnete, wenn Du in Deinem Tweet, auf den ich mit meinem ersten Brief an Dich reagierte, schriebst, dass man wieder reden müsste, „Aber das erscheint mit Linke, Grünen und Sozialdemokraten immer unmöglicher…“. Paradox war dieser Satz für mich deshalb, weil ich eben auf allen Seiten dieselben Verhaltensmuster wahrnehme und jede Seite dem Anderen dasselbe unterstellt.

Natürlich sind „die Linken“ in der besseren Position, indem sie die Achillesferse von Beginn an ansteuerten und an jeglichem konservativen und mittlerweile auch an den liberalen Gedanken ein „Reductio ad Hitlerum“ vollzogen. Die Nazi-Keule tötet nicht nur jede Debatte, sondern behandelt (politische) Sachthemen ausschließlich mit der Schablone einer scheinbaren Moral, der manches Mal eben nur subjektive emotionale Kriterien zugrunde liegen. Oft eben auch mit dem Verweis auf den Absender selbst, der sich darin gefällt, „der bessere Mensch“ zu sein und dabei auf Fakten und auf eine Diskussion in der Sache gerade deshalb verzichten will. Aber auch das findet man auf allen Seiten.

Der Klassiker begegnet mir an dieser Stelle immer wieder, und er unterscheidet sich in nichts von linker Methodik bzw. Rhetorik in der Debatte:

ich übe an der AfD Kritik und höre als Antwort: „Achso, Sie wollen unbedingt von Asylanten vergewaltigt werden? Na, wenn Sie die AfD nicht wählen, entscheiden Sie sich dafür.“

Nicht nur, dass solch eine Aussage an Dämlichkeit kaum zu überbieten ist, sie ist überdies die Schablone, die die AfD-Protagonisten ihrer Anhängerschaft direkt oder indirekt an die Hand geben. Das ist ebenso verwerflich wie den oben erwähnte Fehlschluss „reductio ad Hitlerum“, nämlich: es geht lediglich darum, negative Assoziationen zu wecken, also zu emotionalisieren, und damit eine völlig falsche Schlussfolgerung zu begünstigen bzw. hervorzurufen.

Analog dazu: Wer die Asyl- und Flüchtlingspolitik kritisiert, ist ein Menschenfeind, ist unsozial, setzt sich nicht für das Wohl von Menschen ein, steigt über deren Leid eiskalt hinweg, und er ist letztlich ein Nazi.

Worum geht es also in diesem Spiel? Es geht auf keiner Seite um die Vernunft, sondern um Emotionalisierung. Die (vorwiegenden) Gedanken beeinflussen das Fühlen. Das Fühlen beeinflusst das (vorwiegende) Denken.

Heute habe ich bei Facebook ein Posting von mir vorgeschlagen bekommen, das ich als Banner vor fünf Jahren postete und das diese Sache auf den Punkt bringt – auch in Bezug auf Lagerbildung …, auch innerhalb der eigenen politischen Gruppe:

Egal nun, ob wir ein Produkt erwerben oder ob wir eine Partei wählen oder unterstützen sollen: es sind Gefühle, die darüber entscheiden, wohin wir greifen. Die AfD beherrscht es ebenso gut, mit Emotionen ihrer Anhängerschaft zu operieren (man unterstellt ihr beispielsweise, sie schüre Angst, Hass etc.), wie die Linken es beherrschen, moralische Säulenheilige(n-Argumente) aufzustellen, an die man emotional andockt.

An und für sich sind wir hier direkt bei Themen wie dem Werturteilsstreit, bei Vordenkern wie Adorno, Max Weber, Karl Popper und vielen mehr. Ich vertiefe das nicht, denn wir tauschen uns ja von Mensch zu Mensch aus, die wir mit einfacher Sprache versuchen, all diese Dinge zu entdröseln, damit wir miteinander debattieren können. Aber damit sind wir wieder dennoch bei dem, was ich Dir im letzten Brief schrieb: man muss sich all dies nur bewusst machen und sich dabei auch selbst auf die Schliche kommen.

Wir sind damit jedoch vor allem bei einem: inmitten einer post-politischen Landschaft, deren Merkmale wir uns auch erst mal bewusst machen müssen!

Colin Crouch, britischer Sozialwissenschaftler und Politologe, schreibt dazu:

„ein Gemeinwesen, in dem zwar nach wie vor Wahlen abgehalten werden […], in dem allerdings konkurrierende Teams professioneller PR-Experten die öffentliche Debatte während der Wahlkämpfe so stark kontrollieren, daß sie zu einem reinen Spektakel verkommt, bei dem man nur über eine Reihe von Problemen diskutiert, die die Experten zuvor ausgewählt haben.“

Agieren wir in den Social Media, dann sind wir teil dieses Spektakels. Wir müssen uns nur dafür entscheiden, ob wir aktiver, denkender, selbstbestimmter Part sind, oder aber, ob wir passiver, ausführender, gesteuerter Part sind. Meine Antwort darauf: die Meisten sind der passive Teil, indem sie sich zu Multiplikatoren, also Vervielfältigern, Jubelpersern, Plakatwänden, Flugblättchen und dergleichen machen lassen. Womit wir wieder bei meinem letzten Brief wären und dessen Kernaussage.

Wenn nun von den AfD-Anhängern behauptet wird, dass die AfD die vernünftigen Argumente anbringt, so kann ich nur darüber lachen, wenn man weiß, mit welcher Ausschließlichkeit die Mandatsträger dieser Partei auf Emotionalisierung, also diese PR-Show, setzen. Das bildet sich nicht nur in der Außendarstellung in den Medien ab, sondern äußert sich auch in der äußerst mangelhaften parlamentarischen Arbeit, die Fakten vernachlässigt, gründliche, fundierte Erarbeitung (z.B. von Gesetzesanträgen und Kleinen und Großen Anfragen) zugunsten der Emotionalisierung und kritiklosen Zustimmung zurückstellt.

Wir von [Tertium datur] haben darauf mehrfach in unserem Blog hingewiesen. Beispielsweise hier, wenn wir vom „Wood-Burger“ und dem „politischen Stil auf dem Holzweg“ schreiben.

Auszug aus der Diskussion:

Ao: Sie sagen, dass es immer seltener zum „Grillen“ mittels Erfragen von Argumenten und Standpunkten eines Politikers kommt. Heißt das, es geht nurmehr darum, die „Wallpapers“ wie zu Zeiten der „Kulturrevolution“ aufzuhängen, die dann mantrenartig heruntergebetet und verinnerlicht werden sollen?

 

Ist das Internet und sind die Medien damit zur „Wandzeitung“ verkommen?

Andreas:

Es kommt ja immer weniger zum Austausch.

Man redet nicht miteinander, sondern übereinander. Die verschiedenen Echokammern konstituieren sich als Einweg-Sender.


Die Auseinandersetzung mit nicht zur Echokammer gehörenden Gedanken findet in der Regel negativ und mit hohem Emotionsgrad statt.

Die Toleranz für andere Standpunkte geht gegen Null.

Man fragt sich, ob die Folge der Digitalisierung womöglich ein gewisser Autismus unter Abflachen der Spiegelneuronen sein könnte. Schlechte Bedingungen für die Demokratie…

Wir können also sagen, dass wir gerade in einer autistischen Gesellschaft leben, die lediglich wiedergibt, was sie aufgeschnappt hat, jedoch nicht mehr in der Lage dazu ist, eigene Gedanken zu denken, sie zu formulieren und sie ins Feld zu führen, um sie im wahrsten Wortsinne zu debattieren. Greta Thunberg, tatsächlich Autistin, und die Reaktion auf sie steht sinnbildlich und auch tatsächlich für dieses Phänomen in unserer Gesellschaft. Und das ist doch eigentlich der gesellschaftspolitische Treppenwitz des Jahrzehnts.

Somit ist Dein Ansatz in der Tat falsch, denn die AfD-Anhängerschaft ist in Actio und Reactio lediglich eine Blaupause des linken Lagers. Dasselbe gilt für die AfD-Politiker.

Mein Anspruch ist der, den ich in Brief I ansprach und in Brief II fortführte: es geht um Einen selbst in diesem Spiel … und es geht darum, diesen Teufelskreis zu durchbrechen.

Was Du mit Deinem zweiten Brief an mich machtest, ist es, Dir den „Flügel“ in der AfD herauszugreifen, ihn nun endlich als das zu bezeichnen, was er ist, um damit alles, was nicht ge-Flügel-t ist, fast schon sakrokant zu sprechen. Aber das ist nur ein Teil des Problemes.

Ich freue mich natürlich darüber, dass Du das, was ich in unseren beiden langen Telefonaten vor Monaten ausführte, nun durchdacht hast und in Deinem Brief zum Ausdruck bringst. Also sehe ich meine Schilderungen, meine Theorien und meine Schlussfolgerungen, die ich Dir in den Gesprächen darreichte, auf fruchtbaren Boden gefallen. Das freut mich. Demnach kann ich auch über Tweets, die auf Deinen letzten Brief an mich folgten, wie üblich grinsen … Es ist eben nicht jedem gegeben, sich auseinandersetzen zu wollen. Also sowohl mit der Thematik und der Problematik, als auch mit sich selbst oder mit dem Gegenüber.

Dieser Tweet (Reaktion auf die Veröffentlichung Deines Briefes an mich) steht exemplarisch für die Problematik:

Mein Kollege Andreas hatte dies in unserer o.g. Diskussion vor Monaten geschrieben – und Du findest, by the way, solche Tweets zuhauf auch in Greta-Thunberg-Diskussionen:

„Auf der anderen Seite sehen wir uns in vielen Systemen wieder einem semi-religiösen Wahrheitsdiskurs ausgesetzt, der hart zwischen Gut und Böse unterscheidet und Abweichler pejorativ belegt.“

Oder auch dieser Tweet steht exemplarisch dafür, dass hier jemand nicht selbst denkt oder sich Fakten verschafft hat, sondern lediglich als Vervielfältiger dessen bereitswillig und ohne nachzudenken zur Verfügung steht, womit die AfD operiert, was aber jeglicher Grundlage entbehrt: (ich werde demnächst einen Artikel über die in Wahrheit eher prekären Hintergründe der AfD-Mandatsträger schreiben, die von allem anderem sprechen als von einer „höheren Qualifikation, Bildung und Ausbildung)

All diese Tweets, d.h. Steine in der Debatte, die wir miteinander führen sollten, verhindern einen Austausch um Fakten und damit die Lösung der dringlichen Problematik.

Die AfD selbst ist es, die eine Debatte verhindert, aber gekonnt vorgibt, man boote sie aus, sie komme nicht zu Wort, Ideologen verhinderten durch ihre starren Weltbilder einen Austausch um die Problematik. Philip Amthor hat nun bereits in Bundestagsreden mehrfach vorgeführt, dass die AfD eine Show abfackelt, sich nicht mal die Mühe der Faktentreue geben muss und ihre willigen Vervielfältiger steigen in dieses Spektakel kritiklos ein. Schlimm an dieser Stelle ist, dass man mutmaßt, die AfD wolle etwas politisch bewirken und könne das auch. Die Wirkung, die lediglich erzielt wird, ist die PR-Show und ihre Effekte. Siehe oben: Colin Crouch.

Was ich mit meinem letzten Brief also nochmal ansprach, ist, dass gerade ein Wähler einer bestimmten Partei ihr schärfster Kritiker sein MUSS.

Was Du mit Deinem letzten Brief tust, ist es, ein Problem zu extrahieren (hier: „Der Flügel“), welches aber nur ein Problem von vielen ist, um den Rest des Schützenfestes weiterhin im alten Stile zu unterstützen, sakrosankt zu reden und diesen Rest als Deinem Strohhalm weiterhin umklammern zu können.

Ich hingegen, lieber Richard, bin hier viel pragmatischer und realistischer und möglicherweise auch durch die Berührung mit der Realität in dieser Partei abgebrühter und keinesfalls bemüht, die Schwachstellen mit einer „Makulatur der Hoffnung“ zu überpinseln, sondern den Realitäten ins Auge zu sehen, um zu erkennen, was die AfD ist und was sie in keinem Fall ist.

Die AfD – und das sage ich immer wieder – stigmatisiert durch Unprofessionalität, durch eine unfähige, unerfahrene (zugegebenermaßen) und am eigenen „Standing“ interessierte Personalie eben die Probleme und die Politik, die so dringend dran wäre.

Wenn nun Merkel hochprofessionell und mit Präzision die Opposition in den letzten Jahren kastriert hat, sodass ein Einheitsbrei an politischer Ausrichtung entstanden ist und sich die anderen Parteien nur noch in Nuancen von der Union unterscheiden konnten (so kreiert man Einheitsparteien!), so gelingt es der AfD, an dieser Stelle zwar unflätig laut zu sein, jedoch nicht, diesem Tun mit Eigenem ein Ende zu bereiten. Es bleibt dabei: es wird lediglich darauf verwiesen, dass „alle Anderen“ nichts können (was kann man eigentlich selbst?), dass „alle Anderen“ Ideologen seien (ist man dies nicht auch selbst?), dass „alle Anderen“ nur an den Fresströgen klebten (muss man dies nicht selbst?) usw. usf.

Die AfD stigmatisiert jede Form der konservativen Politik und begünstigt die Nazi-Keule durch eine PR-Show, die davon lebt, dass die Nazi-Keule nach wie vor angesetzt werden soll und muss.

Teils unterstelle ich hier Absicht, teils unendliche Dummheit. Normalerweise handelt es sich jedoch um einen Cocktail aus beidem.

Das gilt es erst mal zu begreifen. Jeder (Werte)Konservative, der nicht parteipolitisch aktiv ist, wird damit in die Ecke gedrängt, findet keine Beachtung mehr, wird gleichermaßen stigmatisiert und die eigentliche Politik, die dran wäre, wird weiterhin verhindert. Im Schulterschluss Merkel/AfD.

Nun aber genau an dieser Stelle zu meiner Überschrift und warum wir Kevin Kühnert unendlich dankbar sein können:

ich denke gerade darüber nach, wie lange ich bereits davon rede, dass sich die AfD professionalisieren muss und dass eine Seriositätsoffensive dringend notwendig ist. Ich glaube, es sind mehr als zwei Jahre, dass ich das fordere. Als ich erkannte, dass das nie kommen würde, denn genau das wäre nicht nur kompliziert, aufwendig, anstrengend für die AfD-Players, sondern es ist darüber hinaus gar nicht gewollt, wendete ich mich als Wählerin ab. Man gefällt sich weiterhin darin, zu behaupten, man sei eine „junge Partei“, die sich ja erst finden müsse. (Dasselbe Augenwischer-Argument für’s „Volk“ ist das vom „gärigen Haufen“)

Betrachte ich die Personalie selbst und die Mitarbeiterschaft (die sich vorwiegend auch nicht qualifizierten Partei-Spezln rekrutiert und eben damit auch aus Ideologen in sehr engen Denk-Käfigen), so weiß man mittlerweile, dass da nicht mehr viel zu erwarten ist.

Die AfD hat zwar insofern den vorher z.B. im Bundestag vorherrschenden Einheitsbrei aufgewühlt, indem sie sich unflätig, marktschreierisch und gewollt angreifbar in Bundestagsdebatten gerierte, aber es bleibt der Brei, wie wir ihn bislang kannten. Die AfD patscht lediglich mit ihrem Kinderlöffelchen darin herum und verkündet „Nein, dieses Breichen ess‘ ich nicht“. Ein eigenes, wohlschmeckendes Gericht zu bereiten ist sie halt nicht in der Lage.

Es geht nicht um ein Sittlichkeitskonzept wie das der „politischen Korrektheit“, das rigoros einengt und Wahrheiten mitunter außen vor lässt oder sie gar erschlägt, aber es geht um ein Sittlichkeitskonzept in unserer Kommunikation, das unsere Werte gerade in einem politischen Diskurs repräsentiert.

Die AfD ist dazu nicht nur nicht in der Lage, sondern offenkundig will sie das gar nicht. Betrachtet man die Bundestagsdebatten und Äußerungen in den Social Media, so hat die AfD an dieser Stelle längst verwirkt, sich konservativ nennen zu können. Sie will und sie steuert bewusst die Emotionalisierung an und sie begünstigt, dass sich Menschen in dieser Gesellschaft die Köpfe einschlagen und einzig ihr, dieser Partei, die gute Absicht, den Wunsch nach Fakten, die „alten Werte“ und Problemlösung zu schreibt. Das Geschäftsmodell der AfD heißt jedoch, alles dafür zu tun, dass sich die Altparteien eben jener Lösungen nicht annahmen, nähmen sie der AfD damit doch ihr Material, aus dem ihre Existenzberechtigung gestrickt ist.

Was also hat ausgerechnet Kevin Kühnert damit zu tun? Und warum bin ich ihm dankbar?

Mit Grinsen erinnere ich mich daran, wie er neulich bei Lanz einen, der auszog, um den Mund viel zu voll zu nehmen, eine Lektion erteilte. Auch mir fällt es schwer, an dieser Stelle zu grinsen, denn mir wäre alles Andere sehr viel lieber gewesen als das Vorführen eines Guido Reil, AfD-EU-Kandidat.

Die Aufregung in den letzten Tagen war also sehr groß, als Kevin Kühnert seine feuchten  sozialistischen Träume aus dem SPD-Kinder-Spieleparadies heraus in die Welt hinein krähte.

Erstmalig seit Jahren ist jedoch passiert, dass sich damit der Einheitsbrei eindeutig auflöste und sich seine einzelnen Bestandteile, die bislang verwischt und vermischt waren (um Merkel als „unser aller Kanzlerin“ am Leben zu erhalten) deutlich durch den Widerspruch und die Empörung, die erfolgte, zeigten.

Du schriebst es in Deinem Brief selbst: bis in die AfD hinein fand diese Katalyse statt. Nur hast Du es missinterpretiert, was es für die gesamte politische Landschaft heißt bzw. bedeuten KANN.

Der AfD ist ähnliches bislang nicht gelungen. Kevin steht da unangefochten da, nämlich, dass die Positionen wieder sichtbar sind und auch geäußert werden. Das war die Nagelprobe, die unsere Republik so dringend brauchte. Waren es bislang Nuancen, in denen sich die etablierten Parteien widersprachen oder miteinander ein wenig – wie unter Waffenbrüdern – stritten, so hat Kühnert eine klare Zäsur vollbracht (ich vermute: ungewollt), die extrahierte, wofür welche Partei nun wirklich steht und stehen muss, will sie ihrer eigenen DNA (wieder) gerecht werden.

Vielleicht – und so hoffe ich – stellt das keine tagesaktuelle Episode dar und der Effekt verraucht nicht wieder beim nächsten Auftritt eines Anderen in dieser nicht enden wollenden politischen PR-Show. Vielleicht aber auch nicht.

Für die AfD heißt das, dass man nicht mehr vom „gärigen Haufen“ reden kann, um den Wählern die Augen zu verkleben und damit sagen will, dass halt die „Personalie“ ein bissl „eigenwillig“ in dieser „noch jungen Partei“ sei und sich erst – im Laufe der Erfahrung in Parlamenten und mit der politischen Erfahrung sowieso – (ein)finden müsse. Sondern es ist offenbar, dass es hier um total konträr zueinander liegende politische Strömungen geht!

Hier unterstellt man allerdings, dass es eine zweite Strömung gäbe, die dem nationalen Sozialismus Höckes und des Flügels gegenüberstehe. Ich unterstelle dies nicht, denn „die Bürgerlichen“, die „Konservativen“ sind nicht markant in dieser Partei, sondern sind „den Opportunisten“, den „werden-wollenden Berufspolitikern“, also denen, die sich darin gefallen, eine politische Karriere – gleich welchen Inhalts auch immer! Man ist da durchaus beliebig, so man das Mandat behält! – anzustreben, unterworfen bzw. werden von jenen abgedrängt.

Schlagworte werden zukünftig hinterfragt werden müssen und ans Lackmuspapier „Opportunismus“ und „Politikkarriere“ (oder überhaupt: „Ich schaff‘ mir ne exponierte Existenz“) gehalten werden. Die da wären: (Verfassungs)Patriotismus, Asylpolitik, Sozialpolitik, Wirtschafspolitik, EU- und Euro-Politik und vieles mehr. Gerade am Schlagwort „Soziale Gerechtigkeit“ tun sich sicherlich Abgründe auf zwischen dem nationalen Sozialismus des Flügels – der meiner Prognose nach immer größere Bedeutung gewinnen wird – und dem … ja, was eigentlich „der Anderen“?

Kevin Kühnert ist also gelungen, was Merkel so unbedingt vermeiden wollte: die Unterschiede zwischen den Parteien beginnen, wieder deutlicher zu werden.

Gelingt es der AfD nicht, sich darin endlich sachpolitisch seriös zu positionieren, sondern setzt sie weiterhin auf das, worauf sie bislang setzte, so verkommt sie zu dem, was sie verdient hat, weil sie Kasperl, Politikclowns und Politbarbies zum Zwecke der Emotionalisierung nach vorne schob, was der geneigte, kritiklose Wähler dankbar aufgriff und in die Konfrontation in den Social Media hineintrugt:

die AfD verkommt dann zu einer Kasperltruppe, die sich zunehmenend marginalisiert oder aber zunehmend flügel-affin im nationalen Sozialismus herauskristallisiert.

Was bedeutet dies also für unseren Briefwechsel und Deinen ursprünglichen Wunsch, miteinander zu reden und wirklich und wahrhaftig zu debattieren?

Das bedeutet das, was ich in beiden Briefen schrieb:

man hat die Wahl, sich den Politclowns als Flugblättchen weiterhin anzudienen. Oder man hat die Wahl, sich selbstdenkend darin zu positionieren und auch auszudrücken.

Bislang sehe ich nur wenige, die Letzteres vermögen.

Wir werden sehen, ob mein Wunsch in Erfüllung gehen wird, nämlich, dass sich immer weniger Menschen vereinnahmen lassen, sondern dass sie für ein neues „Wir“ von ihren Volksvertretern FORDERN, was diese zu exerzieren haben.

Einstweilen grüße ich Dich und den Kevin, der möglicherweise einen Paradigmenwechsel „aus Versehen“ eingeläutet haben könnte …

Herzlichst aus dem verschneiten Oberbayern – der Frühling naht vielleicht … trotzdem …

 

 

 

 

 

 

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