Westalgie – Von der Sehnsucht nach der Bonner Republik

Ein Stimmungsbild von: Ao Krippner [TERTIUM DATUR]

Wenn ich – geboren in den 1960er Jahren – an meine Kindheit zurückdenke, dann kommt mir gleich ein Bild vor das geistige Auge: von Krishna-Jüngern, die in der Fußgängerzone der Landeshauptstadt des Bundeslandes, in dem ich damals lebte und aufwuchs, in ihren orangeroten Gewändern sangen und tanzten. Ich war fasziniert und angezogen von der Andersartigkeit, und aber auch von der Vertrautheit dieses Szenario, das, wann immer ich mit meiner Mutter zum Einkaufen in der Stadt war, einfach dazu gehörte.

Ich erinnere mich genauso lebhaft an die Atmosphäre, die in meinem Elternhaus herrschte, wenn mein Vater, eine Zigarette nach der anderen angespannt rauchend, in der Wohnküche am Radio saß und die neuesten Entwicklungen um den Entführungsfall Hanns-Martin-Schleyer verfolgte. Die Präsenz des damaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt war in unseren Vier Wänden genauso greifbar wie das Bangen einer ganzen Nation um das Schicksal Schleyers – als wäre man fast ein Angehöriger dieses Mannes, von dem ich als Kind eigentlich vor diesen Tagen noch nie gehört hatte. Wenige Wochen zuvor war Deutschland geschockt von der Ermordnung von Jürgen Ponto. Ich höre meinen Vater noch heute die Radiobeiträge kommentieren, heftig an seinen Zigaretten ziehend. Mal schimpfte er mit lautstarkem Furor, wild gestikulierend, über „die da oben an der Regierung“, denen er sich fern fühlte, da die existenziellen Bedingungen seit Anfang der 70er hart waren und die Anstrengungen groß, beispielsweise Hochzinsphasen zu überstehen.

ARD-Tagesschau Sondersendung vom 19. Oktober 1977

Dann weiß ich noch, dass ich darüber erschrak, wenn er verkündete, die RAF zeige „denen“, was gehe und was nicht. Das andere Mal, nur wenige Augenblicke später, war er aufgewühlt, als wäre Schleyer ein Nachbar, ein Verwandter, eben ein Nahestehender, um dessen Leben man in jeder Minute bangt  und man alles möchte, nur nicht die Nachricht erhalten, dass es nun „vollbracht“ sei und Schleyer tot aufgefunden würde. Ich spüre noch immer die Stille, die auf diese Aufregung folgte, als die befürchtete Nachricht dann kam.

Ich erinnere mich an Debatten im Bundestag aus dieser Zeit, in der sich Wehner, Strauß, Brandt und Schmidt Gefechte lieferten, die hochemotional, aber eben auch hochengagiert waren. Trotz aller Kontroverse nahm man ihnen immer ab, dass es ihnen um das Wohl unseres Landes und der Menschen darin ging. Egal nun, was der Einzelne von ihnen meinte, welcher politische Weg der richtige wäre.

Der „Deutsche Herbst“ ist eine der nachhaltigsten und prägendsten Erinnerungen, die ich an meine Kindheit und Jugend habe. Und gleichsam steht er auch für die irritierendsten Bilder, zumal mein Vater, der ja schließlich Orientierungspunkt war, höchst ambivalent reagierte. Der Sponti-Spruch: „Buback, Ponto, Schleyer – der nächste ist ein Bayer“, kennzeichnete die Auflehnung und den Hass gegen konservative Politik und konservative Politiker.

Ich kam in den Jahren meiner Jugend und in jenen des Erwachsenwerdens in Berührung mit den „übriggebliebenen“ 68ern, mit endlosen engagierten Diskussionen, und auch mit der Musik aus dieser Zeit, die das Gute für alle Menschen herbeisang. Ich erfasste, dass mitten durch unser Land eine „Grenze des Schmerzes“ ging, und dass dieser Schnitt durch Deutschland Familien auseinandergerissen hielt, dass diese Grenze mit Zwang und Gewalt zu tun hatte und damit, dass es irgendeinen „Feind“ gab, der uns das alles angetan hatte. Aktuell und aber auch ein Feind aus der Vergangenheit. Ich ahnte, dass allein die Tatsache dieser Trennung „der Feind“ war. Nicht die Regierungen im Osten, gegen die man aufrüsten musste. Nicht die atomaren Drohkulissen. Nichts von alledem war „der Feind“ in meiner Gefühlswelt, sondern die bestehende Tatsache, dass das Getrenntsein zwischen BRD und DDR und auch zwischen der westlichen und der östlichen Welt immer vor allem mit Gewalt, die die Ideologie mit sich bringt, zu tun hatte.

Co-Pilot Jürgen Vietor und die am Bein verletzte Stewardess Gabi Dillmann von der entführten Lufthansa-Maschine „Landshut“verlassen als erste die am 18.10.1977 auf dem Frankfurter Rhein-Main Flughafen gelandete Lufthansa-Maschine „Köln“ (Archivfoto). Sie waren durch das Verhandlungsgeschick des damaligen Staatsministers Hans-Jürgen Wischnewski und den Einsatz der GSG 9 befreit worden.

Über all diesen irritierenden Ereignissen und Gefühlen nahm ich einen Staat wahr, der es gut mit mir meinte und mich beschützte, und der letztlich und der deshalb richtig war. Es war wie die über-väterliche Hand, die über das richtige Recht und das richtige Gesetz unumstößlich regierte und im rechten Maße herrschte. Das gab mir Sicherheit, also einen Boden, auf dem ich meine Talente, mein Potential und meine Geschicke zur Entfaltung bringen konnte, wenn ich denn nur in der Lage dazu wäre. Der Staat war vor allein eines: verlässlich.

So aufregend ich diese Zeit auch in der Rückschau empfinde, so sicher fühlte ich mich trotz allem darin. Die Reibung zwischen linker und konservativer Politik wurde nie als belastend oder gar als existenziell bedrohlich empfunden, sondern letztlich als Notwendigkeit, damit Probleme gelöst werden konnten bzw. dass für einen richtigen, guten Ausgang im Vorliegenden debattiert wurde.

Ich erlebte bereits in der Grundschule, dass meine Mitschüler aus anderen Nationen stammten. Portugiesen, Griechen, Jugoslawen, Italiener, Spanier. Sie sprachen anders, wenn sie mit ihren Eltern redeten, und das Einzige, was uns unterschied, war, dass ihre Eltern noch ein wenig strenger waren als unsere eigenen, dass sie nicht so viele Freiheiten hatten wie wir, sondern autoritärer erzogen wurden, aber sich wie wir selbst die kleinen und großen Freiheiten gewitzt und bisweilen auch rebellisch erkämpften.

Ob Andreas nun Grieche oder Manuela Portugiesin war, spielte für uns nicht die geringste Rolle. Außer, wenn es darum ging, dass ich meine erste „Cataplana“ bei Manuelas Eltern aß. Meine Eltern hatten eine ihrer Wohnungen im Haus an Italiener vermietet, und dort aß ich genüsslich meine erste Pizza, am Tisch mit zu laut und zu gestenreich durcheinander erzählenden Familienmitgliedern. Später dann zog ein junges indisches Ehepaar ins Haus ein, und ich bewunderte die atemberaubende Schönheit der Inderin und ihre Saris, die sie stets, auch im Winter, trug. Ich nahm niemals wahr, dass die Kinder der „Gastarbeiter“ sich inmitten von uns benachteiligt fühlten, sondern sie gehören einfach sehr schnell zu uns. Ich hörte sie nie klagen und schnell spielte es keine Rolle mehr für uns, ob sie anders waren oder wie wir. Es war einfach so, wie es war.

Als Erstwählerin, 1983, wählte ich die Grünen bei der Bundestagswahl. Ich war beeinflusst von Joan Baez, von John Lennon, von den Debatten um die Atomkraftwerke und beseelt von den Gedanken, im Nachgang von „Flower Power“ und Woodstock, von einer besseren, von einer friedlichen und gerechten Welt. Ich hörte die Schilderungen vieler Erlebnisse, von Krieg und Vertreibung, von Hunger und vom Tod.

Dass mir gerade der berechenbare und verantwortungsbewusste Staat, also die damalige etablierte Politik, den Boden dafür bereitete, auch konträre und „revoluzzerische“ Gedanken denken und rebellisch sein zu dürfen, ahnte ich zu dieser Zeit noch nicht wirklich. Es war schlicht und ergreifend eine Art des Ausbruchs aus der Jugend, um erwachsen zu werden, und um alles in Frage zu stellen, was Andere einem vordenken wollten: der Staat, die Lehrer, die Eltern. Es war der Übergang vom Teenager zum Erwachsenen, und durch die Reibung des Widerstands eben entstand die Energie, die frei wurde und die man braucht, um ins eigene Leben hineingetragen zu werden und eine eigene Identität zu erlangen.

Heute weiß ich: es war ein normaler, üblicher und kein besonderer Prozess.

Später dann erlebte ich Themen, die direkt oder indirekt mit dem Eisernen Vorhang und mit der Definition der eigenen Identität und der unserer Bundesrepublik zu tun hatten: die Friedensbewegung, die Aufrüstung, die immer stärker wabernde Auflehnung der Linken gegen die Konservativen, das Infragestellen von Tradiertem, das Fallen von Konventionen, die Selbstverständlichkeit der Emanzipation der Frauen, weniger kämpferisch und revolutionär als in den 60ern, sondern selbstverständlich und sehr bewusst Stück für Stück den Raum erobernd, Kriegszustände und Friedensprozesse im Nahen Osten, die immer wiederkehrende Thematisierung der Aufarbeitung des Dritten Reiches. Niemand hätte damals das Erleben meiner Familie, der Nachbarn und überhaupt von irgendjemandem als einen „Vogelschiss in der Geschichte“ bezeichnet, denn all dies war für diese Menschen um mich herum gerade erst, quasi neulich, passiert und steckte noch in den Knochen und in allen Fasern. Mogadishu und Tschernobyl,  Genesis und Pink Floyd, Ostermärsche, langes Haar und „Vokuhila“, John Travolta und „Abtanzen“ in der Disco, und der Boykott der Olympischen Spiele, Steffi Graf und Solidarność und vieles mehr flackert gerade, während ich schreibe, wie Spotlights auf.

So viel in dieser Zeit auch passiert ist, so viel während dieser Zeit auch in meinem Leben und meiner persönlichen Entwicklung vom Kind zur Jugendlichen und zur jungen Erwachsenen hin geschah, so sicher fühlte ich mich andererseits. Der Staat und damit „die Politik“ wurden in meiner Wahrnehmung letztlich in seiner Gänze nicht in Frage gestellt.

Im Jahr der Wende, 1989, kam mein Sohn zur Welt. Ich erinnere mich an die überraschende Bekanntgabe der Grenzöffnung am Abend des 9. November 1989, die fast minutenaktuell in der „Tagesschau“ ausgestrahlt wurde. Ich erinnere mich daran, als sei es gestern, wie wir alle zunächst sprachlos waren, weil etwas passiert, was man zwar erhofft hatte, doch letztlich nie für möglich hielt, denn meine Generation kannte es ja nicht anders als so: zwei deutsche Staaten, die mit Gewalt auseinandergehalten worden waren. Alle waren wir tief berührt und dann euphorisch und im Freudentaumel. Auch für meine Generation war es so, als würde jetzt die Familie zusammengeführt.

Was seitdem passierte, war ein Kampf und ein Bemühen um diese Beziehung, die sich mehr und mehr als selbstverständlich erwies. So viele Menschen dabei auch letztlich nicht wirklich gerecht wurde, so sehr steht über allem, dass es ein selbstverständlicher gemeinsamer Weg wurde.

Und dennoch … in Anbetracht der Ereignisse der letzten Jahre – um das Jahr 2015 als nochmaligen Wendepunkt im kollektiven Bewusstsein dieses neuen und alten Deutschland zu markieren – stelle ich fest:

Die Sicherheiten, die ich damals empfand, obwohl ich mich selbst noch nicht definiert restlos hatte, sind restlos verschwunden. Das Vertrauen in „den Staat“ ist erschüttert und ich ringe täglich damit, es wieder aufzubauen. Nicht, weil ich es jetzt, als Frau im mittlerweile reifen Alter, noch wirklich dringend bräuchte, um mich selbst zu definieren oder um Halt zu haben. Sondern weil ich sicher bin, dass unsere Gesellschaft einen festen, vor allem verlässlichen Boden unter den Füßen braucht, auf dem sich der Einzelne, das Individuum  definieren und auch sein Potential entfalten und die eigene Zukunft sich entfalten kann. So sehr ich mich auch bemühe, mich an einen ähnlichen Zustand in unserer Gesellschaft während meiner bisherigen Lebensspanne zu erinnern: mir fällt keine vergleichbare Phase ein, die das Gegeneinander, die Unsicherheiten, die ideologisch durchwirkten Äußerungen, also letztlich einen solch großen Spalt quer durch die Identität der Gemeinschaft beschreiben könnte oder je derart gekennzeichnet hätte. Nicht während des Kalten Krieges, nicht während des Zusammenfindens von zwei deutschen Gesellschaften im Nachgang zum Jahr 1989, nicht während des „Deutschen Herbstes“.

Viele von uns wissen, was es bräuchte, um unsere Gesellschaft von diesem Zustand zu heilen. Viele ahnen auch, dass es nicht nur an uns, als Bürger dieses Landes, liegt, diese Erschütterung und den Konflikt zu überwinden und uns die Lösung aller Probleme und das Ende dieser von vielen als gewaltig wahrgenommenen Schieflage zu erstreiten.

Wir betrachten das Feld der Politik, und wer auch nur ähnlich wie ich – mit nahezu identischen Gefühlen und übereinstimmenden Betrachtungen – zurückblicken kann, der weiß: wir trauen es im gegenwärtigen Zustand niemandem zu, die richtigen Dinge zu tun und das Richtige einzuläuten.

Heute bin ich älter als viele der Politiker, die eher als Politikerdarsteller denn als Staatsmänner und -frauen die Geschicke unseres Landes und damit auch unserer Gesellschaft lenken und nachhaltig  beeinflussen und, was zu befürchten steht, in eine Richtung lenken, die sich – bei Licht betrachtet – niemand wünscht. Dies, vor allem im Hinblick auf die Verlässlichkeit des Staates, dem man grundsätzlich bislang unterstellte, dass er im Sinne unseres Landes das Richtige tut, erzeugt Sorge und aber auch Ohnmacht und Wut.

Erinnere ich mich an die vielen Menschen mit Format, die den Begriff „Staatsmann“ oder „Staatsfrau“ noch verdienten, die sich zusammenrauften und der „richtigen, gerechten Sache“ wegen miteinander gerungen haben, die die Werte, mit denen ich erzogen wurde, auch repräsentieren konnten, so überkommt mich eine tiefe Sehnsucht … nach der Bonner Republik.

Lesen Sie hierzu auch den Arikel: Das Ende der Wende – Von der Sehnsucht nach der (Wieder)Vereinigung

 

 
Helmut Schmidt, Rede an die Nation im „Deutschen Herbst“ 1977



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3 Kommentare

  • Peter R. Perzl

    Ein wunderbarer Artikel, der das ungeachtet aller damaligen Kontroversen als für uns selbstverständlich wahrgenommene Geborgenheitsgefühl früherer Jahrzehnte, die Zeit unserer Jugend, hervorragend beschreibt. Wie schmerzlich doch vor diesem Hintergrund das Ausmaß des Velustes bewußt wird.

    Was für ein diabolischer Kontrast ist dazu die Wahrnehmung der mittlerweile geradezu bösartigen Zerstörung der in jahrzehntelanger Arbeit geschaffenen Lebensgrundlagen unserer Gesellschaft: die Erschütterung der gut nachbarschaftlichen Verhältnisse in Europa durch eine unverantwortliche Migrationspolitik, das Ruinieren der wirtschaftlichen Grundlagen und so ganz nebenbei unserer Altersvorsorge durch eine maßlose Währungspolitik, die Zerstörung der einst sicheren und bezahlbaren Energieversorgung, und schließlich das Schleifen unserer letzten industriellen Basis, der Autoindustrie. Das alles unter Applaus der totalversagenden „vierten Gewalt“, der Medien, und eines dekadent und träge gewordenen Volks.

  • kommentare@hansheinrichdieter.de

    Sehr geehrte Frau Krippner, Sie haben mit einer schönen Beschreibung Ihrer Vita in Zeiten der Bonner Republik und der treffenden Darstellungen der politischen Rahmenbedingungen der damaligen Zeit sehr gut deutlich gemacht, warum Sie – mit vielen anderen Bürgern gesunden politischen Menschenverstandes zusammen – mit der deutschen Politik, vornehmlich nach 2015 nicht einverstanden und Politiker-verdrossen geworden sind. Eine richtig gute Arbeit!
    Mit freundlichen Grüßen
    Hans-Heinrich Dieter

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